Jugendhilfe stärken ist besser als Boot-Camps planen
DGSF-Presseinformation, 17.1.2008
Fachverband der Familienberater und Familientherapeuten lehnt Verschärfung des Jugendstrafrechts ab
Familienberater
und Familientherapeuten helfen täglich „schwierigen“ oder straffällig
gewordenen Jugendlichen erfolgreich – jenseits von „Bootcamp oder Knast“. „Eine
Verschärfung des Jugendstrafrechts zur Bekämpfung von Jugendgewalt und
Jugendkriminalität ist aus fachlicher Sicht der falsche Weg“, betont Professor
Dr. Jochen Schweitzer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische
Therapie und Familientherapie (DGSF). So verständlich das Entsetzen über die
jüngsten Gewalttaten sei, bloßes „Wegsperren“ nütze wenig, denn schließlich
müsse man die Täter irgendwann wieder in die Gesellschaft entlassen. „Systemische
Ansätze und Methoden in der Jugendhilfe können hingegen erfolgreich zur
Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft beitragen“, so Schweitzer.
Psychologie-Professor Schweitzer weist darauf hin, dass es notwendig ist, das Umfeld der Jugendlichen zu berücksichtigen: „Wir müssen Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe stärken, Schulen qualifizieren und wieder mehr Jugendarbeit fördern und Jugendhilfe anbieten.“ Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe seien aber in den zurückliegenden Jahren systematisch Gelder gestrichen worden. Das gleiche gelte für Justizverwaltungen oder Polizei, so dass jugendliche Straftäter zu lange auf ihren Prozess warten.
Für straffällig gewordene Jugendliche hätten Jugendhilfe und Justiz eine Vielfalt von wirksamen Projekten und Programmen entwickelt: Täter-Opfer-Ausgleich, Betreuungsweisungen, Formen aufsuchender Familientherapie, Denk-Zeit-Trainings, erlebnispädagogische Projekte oder etwa Anti-Aggressions-Trainings. Dabei nutzten die Fachkräfte häufig Ansätze und Methoden, die in systemischer Beratung und Therapie entwickelt worden seien, erläutert der Vorsitzende des Fachverbandes mit mehr als 2700 Beratern, Supervisoren und Familientherapeuten. „Systemiker“ hätten auch Methoden, die gerade bei besonders schwierigen Jugendlichen zum Erfolg führten: Zum Beispiel das systemische Elterncoaching, bei dem es um stärkere „elterliche Präsenz“ und damit neue Handlungsmöglichkeiten für hilflose Eltern geht, oder die Multifamilientherapie, bei der gleichzeitig mit mehreren Familien gearbeitet werde und bei der so Selbsthilfekräfte gestärkt würden. In Deutschland noch wenig bekannt ist die in den USA für delinquente Kinder und Jugendliche entwickelte Multisystemische Therapie. Multisystemische Therapie geht davon aus, dass neben der Familie besonders die Schule, der Freundes- und Bekanntenkreis und die Nachbarschaft gleich starke Einflüsse auf das Verhalten der Jugendlichen ausüben. Schweitzer: „Multisystemische Therapie findet also an den verschiedensten „Tatorten“ parallel oder nacheinander statt: im Wohnzimmer der Familie, im Klassenzimmer, im Sportverein oder auf dem Spielplatz.“ Zur Multisystemischen Therapie liegen sehr gute Wirksamkeitsstudien mit ermutigenden Ergebnissen vor.
Die DGSF begrüßt und unterstützt die von fast 1000 Hochschullehrern und Praktikern der Jugendstrafrechtspflege unterstützte Resolution gegen die Verschärfung des Jugendstrafrechts sowie die gemeinsame Verbandserklärung „Hände weg vom Jugendstrafrecht“.
Die Resolution „Stellungnahme zur aktuellen Diskussion um eine Verschärfung des Jugendstrafrechts“ ist im Internet zu finden unter
www.dvjj.de/artikel.php?artikel=989.
„Hände weg vom Strafrecht“ ist eine gemeinsame Erklärung der Verbände: Vereinigung Berliner Strafverteidiger, Republikanischer Anwältinnen und Anwälteverein e.V., Organisationsbüro der Strafverteidigervereinigungen, Neue Richtervereinigung, Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V., Berliner Rechtsanwaltskammer, Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen, Deutsche Strafverteidiger e.V.; im Internet unter
www.strafverteidigertag.de/haendeweg.htm.
verantwortlich:
Bernhard Schorn, DGSF
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