Karl Heinz Pleyer: Parentale Hilflosigkeit ...
Parentales Hilflsoigkeit - ein systemisches Konstrukt für die therapeutische und pädagogische Arbeit mit Kindern für ein besseres, systemisches Verständnis kindlicher Symptombildung und elterlichen Scheiterns .
Auf dem Hintergrund eines systemischen Verständnisses von Symptombildung bei Kindern und den Lösungsstrategien der Eltern werden die Phänomene elterlichen Scheiterns und ihre Entstehungsbedingungen untersucht.„Parentale Hilflosigkeit“ wird als Konstrukt beschrieben mit den Hauptmerkmalen a) selektive Wahrnehmung der Signale des Kindes, b) Konfliktvermeidung, c) Verantwortungsabgabe und d) Kooperationsverlust auf der Elternebene. Kindliche Symptome und „parentale Hilflosigkeit“ werden als reflexives Beziehungsmuster aufgefasst, welches gemeinsam in Kommunikation erzeugt wird. Kindliches Symptomverhalten kann dabei u.a. als kreativer Versuch gedeutet werden, die Hilflosigkeit der Eltern zu bewältigen bzw. überwinden zu helfen. Der Nutzen des Konstruktes wird in der Möglichkeit gesehen, inkompetent oder verantwortungslos erscheinendem Erziehungsverhalten mit einem Verstehensrahmen zu begegnen, der Abwertung und Distanzierung gegenüber den Eltern zu verringern hilft. Die Nutzung des Konstruktes „parentale Hilflosigkeit“ als therapeutische Metapher eröffnet erweiterte Handlungsmöglichkeiten auf dem Weg zu einer integrierten Therapie von Eltern und Kind.
Overview
Arbeit mit Eltern erfordert einen anschlussfähigen Verstehensrahmen
Das Scheitern der Eltern, ein schwieriges Thema
Eltern geht es nicht nur um Symptombeseitigung
Eine klinische Erkundung an eigenen Fallgeschichten
In Zeiten
dogmatischer Abkehr von jeglicher Defizitfokussierung brauchte es eine
Weile, bis wir uns erlaubten, als defizitär Wahrgenommenes genauer zu
untersuchen, anstatt es zugunsten einer radikalen Ressourcenorientierung
zu ignorieren. Wir waren neugierig, unsere bis dahin ungeordnet
gesammelten Erfahrungen mit den Eltern unserer Kinder zu überprüfen, zu
ordnen und sie mit den Erfahrungen anderer Therapeuten zu vergleichen.
Es sollten nicht nur unsere subjektiven Beobachtungen und Deutungen
überprüft werden über das, was uns als Mangel an Kompetenz oder
Verantwortlichkeit bei Eltern erschien. Außerdem wollten wir unsere
handlungsleitenden (eher intuitiven) Therapeutenhypothesen über die
möglichen Entstehungskontexte elterlicher Auffälligkeiten überprüfen.
Wir haben deshalb die Fallgeschichten aller Familien (52 Fälle)
nachträglich recherchiert, die zwischen 1996 und 1999 unsere Tagesklinik
für Kinder in Anspruch genommen haben. Zwei Fragen standen dabei im
Vordergrund:
Erstens sollte näher untersucht werden, welche
Besonderheiten des Umgangs der Eltern mit ihrem Problemkind die
therapeutischen Mitarbeiter jeweils zu erkennen glaubten. Dazu wurden
die vorgebrachten Problemdefinitionen, die Selbstbeschreibungen der
Eltern und die von Erziehern und Therapeuten beobachteten Kriterien des
erzieherischen Umgangs mit dem beklagten Symptomverhalten gesammelt und
kategorisiert. Ein zweites Ziel bestand darin, eine Übersicht zu
gewinnen über die von uns erfragten und von Eltern beschriebenen eigenen
Belastungsfaktoren, von denen wir vermuteten, dass sie im Zusammenhang
stehen könnten mit dem Misslingen der Beziehung zum Kind. In einer
ergänzenden klinikinternen Umfrage unter den ärztlichen und
psychologischen Psychotherapeuten sollten die bei unseren eigenen
Familien gefundenen Faktoren mit denen verglichen werden, die in anderen
Arbeitsbereichen der Klinik wahrgenommen worden sind.
Gefundene Auffälligkeiten des Erlebens und Verhaltens bei den Eltern
Obwohl
es nicht überraschte, erscheint es doch bemerkenswert, dass wir bei der
Durchsicht der Fälle keinen einzigen fanden, bei dem es in der
Beurteilung der pädagogischen und therapeutischen Mitarbeiter nicht
markante Auffälligkeiten bei den Eltern gegeben hätte. Diese zeigten
sich im beobachtbaren Erziehungsverhalten ebenso wie in den Selbst- und
Problembeschreibungen der Eltern. In allen Fällen wurden Merkmale von
signifikant unangemessen erscheinenden Erziehungsreaktionen beschrieben.
Die Beziehungsgestaltung zum Problemkind und der Umgang mit dem
Symptomverhalten schien in der Regel von Verunsicherung, Verwirrung,
Ratlosigkeit und Hilflosigkeit geprägt. Als Grundbefindlichkeit der
Eltern beobachteten wir eine mit Gefühlen von Hilflosigkeit
einhergehende Angst, die im direkten Umgang mit dem kindlichen Symptom
besonders aktiviert zu werden schien. Diese Angst unterscheidet sich
nach unserem Eindruck deutlich von der Besorgnis, in die Eltern
naturgemäß geraten, wenn ihr Kind körperlich erkrankt. Während wir in
einem solchen Fall eine größere Annäherung und Fürsorge erwarten, zeigt
sich in den Beziehungen zwischen unseren Kindern und ihren Eltern eher
die Form eines Annäherungs- und Vermeidungs- Konflikts. Die elterlichen
Bewältigungs- und Lösungsstrategien zeigten neben einem starken
affektiven beschäftigt Sein mit dem Kind und seinem Problem in
auffallendem Maße vermeidende und dissoziative Tendenzen. Wir konnten im
Wesentlichen vier Felder identifizieren, auf denen sich bei nahezu
allen Eltern ähnlich gravierende Auffälligkeiten zeigten.
Selektive Wahrnehmung bzw. Fehldeutungen kindlicher Signale
Nahezu
regelmäßig konnten wir feststellen, dass Eltern ihr Problemkind in
bestimmten Aspekten seines Verhaltens oder Erlebens auffällig selektiv
wahrnehmen. Insbesondere wurden jene Botschaften, die sich im
Symptomverhalten aus unserer Sicht quasi metaphorisch verdichten, nicht
angemessen wahrgenommen bzw. unangemessen interpretiert. Eltern
erschienen eingeengt in der Wahrnehmung der vom Kind geäußerten Motive
und Bedürfnisse und schienen an inadäquaten Bildern über seine
Fähigkeiten und Handicaps festzuhalten. Beispielsweise wurden Signale
des Kindes, die wir als Wünsche nach Nähe verstanden, als
Unterdrückungsversuche, Wünsche nach „in Ruhe gelassen werden“ oder
„allein bleiben wollen“ als Zurückweisung interpretiert. Signale von
Bedürftigkeit, die Außenstehenden überdeutlich erscheinen, kamen bei
Eltern nicht an. Wie sie kindliche Botschaften und Verhaltensweisen
deuteten, erschien den Beobachtern oft abwegig. Die Einschätzungen und
Interpretationen der eigenen Beziehung zum Kind wichen oft erheblich ab
von den Einschätzungen des Kindes selbst und von den
Beobachterbeurteilungen. So erschienen die Bemühungen des Kindes,
verstanden zu werden, permanent zum Scheitern verurteilt. Dies
frustriert Kinder und führt in aller Regel zu einer Erhöhung des
kommunikativen Aktivitätsniveaus, was wiederum von den Eltern als
provozierendes und aggressives Verhalten im Sinne von Bösartigkeit, als
Charakterdefizit oder (gelegentlich mit Unterstützung von Fachleuten)
als Krankheit, z. B. als „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ im Sinne
einer organischen Störung gedeutet werden kann.
Wahrnehmungsdefizite
offenbarten sich als fehlende Feinfühligkeit, wie sie auch von
Ainsworth (1977) beschrieben worden ist. In eher seltenen Fällen (etwa
10%) gewannen wir den Eindruck einer allgemein fehlenden Sensibilität
für das Wahrnehmen von Gefühlen und das Entschlüsseln analoger
Botschaften in Beziehungen. Bei weitaus den meisten der von uns
beobachteten Elternteile (70 –80%) schien es sich jedoch eher um ein
dissoziatives Ausblenden besonders solcher Signale zu handeln, die
Unbehagen, Schmerz oder Angst auslösten. Solche Eltern vermieden nach
unserem Eindruck, Aspekte und Seiten ihres Kindes wahrzunehmen, die
ihnen bedrohlich erschienen bzw. ihre Bewältigungsmöglichkeiten seit
langem überforderten.
Konfliktvermeidung
Nahezu alle unsere
Eltern lebten mit ihrem Problemkind seit längerem in einem
Dauerkonflikt, der offenbar weder aufgegeben, noch wirklich zu Ende
geführt werden konnte. Auf Seiten der Eltern zeigten sich die folgenden
Besonderheiten in der Konfliktgestaltung: Einerseits war der Umgang mit
dem Kind durch subtile Kritik, Abwertungen und Provokationen
gekennzeichnet. Andererseits wichen sie aus, wo sie gefordert waren,
Position zu beziehen. Die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen
gegenüber dem Kind blieben undeutlich. Sie vermieden es, Entscheidungen
zu treffen. Gehäuft fanden wir undeutliche Bindungssignale, Erstarrungen
in den affektiven Reaktionen, Verlust des Sprechens und des Handelns,
wenn Kinder ihnen Stellungnahmen bzw. verantwortliches Entscheiden
abverlangten. Positionierungsversuche der Kinder wurden nicht oder
unzureichend zur Kenntnis genommen. Als Bewältigungsstrategien sahen wir
vielfältige Fluchtmanöver, Unterwerfungsmuster und gelegentlich eine
Art von Totstellreaktion, wie sie bei Gewaltopfern beobachtbar sind. Bei
nicht hinreichend gelingender Distanzierung sahen wir oftmals nicht
gewollte, von schlechtem Gewissen begleitete erzieherische Reaktionen,
die dazu führten, dass Eltern in die Down- Position gingen und sich,
bzw. ihre Wünsche und Forderungen zunächst wieder zurücknahmen. Ein
fruchtbares zu Ende Führen der Auseinandersetzung wurde letztlich
vermieden. Als Erklärungen dafür hörten wir z. B. sehr oft, dass
Konflikte ja doch nichts bringen, Härte dem Kind nur schade, Schlagen
keine angemessene Erziehungsmethode sei o. ä.. Aus unserer Sicht waren
dies Versuche, die erlebte Hilflosigkeit in Stärke zu verwandeln, an die
sie selbst wiederum nicht wirklich glauben konnten. Und auf die Frage,
warum das Problemverhalten des Kindes nicht einfach akzeptiert werden
könne, hörten wir oft, dass man es so miteinander nicht aushalten könne
oder dass so die Zukunft des Kindes gefährdet sei.
Es schien
uns, als sähen sich die meisten unserer Eltern in irgend einer Form in
der unentrinnbaren Zwangslage, zwischen zwei gleichermaßen
angstbesetzten Möglichkeiten entscheiden zu müssen: entweder ihr Kind zu
dominieren und zu unterdrücken oder sich ihm ausliefern zu müssen und
es so oder so zu verlieren.
Distanzierung von elterlicher Verantwortung
Bei
allen Eltern fanden wir eine deutliche Tendenz zu einer aktiven oder
passiven Abgabe von Betreuungs- bzw. Entscheidungsverantwortung an
Außenstehende (z. B. auch helfende Fachleute). Hintergrund dafür stellte
meist eine durchaus ambivalente Überzeugung dar, dass nur andere
Personen an ihr Kind „herankommen“, dass Fremde sich besser mit ihrem
Kind verstehen als sie selbst. Sie behaupteten, dass ihr Kind sich nicht
von ihnen selbst, sondern nur von anderen lenken bzw. erzieherisch
beeinflussen lässt. Sie suggerierten sich und glauben am Ende fest
daran, dass nur Experten ihrem Kind mit fachlichem Spezialwissen helfen
könnten. Sie suchten Mitglieder zu werben für ein stützendes
Problemsystem (s. Ludewig 1992:110ff) und erwarteten die Hilfe von
Außenstehenden, z.B. Ärzten, Therapeuten, Lehrern etc.. Von uns erbaten
sie eine gründliche Diagnostik in der Hoffnung, dass wir die Krankheit
herausfanden, deren Bezeichnung alles erklären würde. Darüber hinaus
erwarteten sie eine intensive therapeutische oder pädagogische
Beschäftigung mit dem Kind. Eine Mitarbeit in der Therapie lehnten sie
in der Regel nicht offen ab, aber sie versprachen sich davon keine
wirksame Hilfe zur Veränderung. Sie befürchteten eher, dass ihre
Anwesenheit störend sein könnte. Ihr Rückzug von Veränderungsbemühungen
war eher von der Bemühung getragen, auf diese Weise eine Verschlimmerung
vermeiden zu können.
Defizite in der Kooperation auf der Elternebene
Nahezu
alle Eltern zeigten in irgendeiner Form einen Mangel an respektvoll
balancierter Bereitstellung männlicher und weiblicher Ressourcen für das
Kind. Eine Variante fanden wir in einer gestörten erzieherischen
Kooperation mit dem anderen Elterteil bzw. in einem verdeckten oder
offenen Machtkampf zwischen den Eltern um die „richtigen“
Erziehungsmuster und die „richtige“ Behandlung des Kindes. Hinter dem
Streit um die Frage, ob das Problem mit mehr Liebe oder mehr Strenge zu
lösen sei, stand oft eine symmetrisch definierte Partnerschaft, in der
nicht entschieden werden darf, ob väterliche oder mütterliche Lösungen
als heilsamer für das Kind anzuerkennen sind. Es konnte dabei auch um
die Streitfrage gehen, wer mehr Einfluss auf das Kind nehmen darf oder
wem, bzw. in wessen Herkunftsfamilie das Kind eigentlich „gehört“.
Eine
andere Variante zeigte sich in einer Disqualifikation der als typisch
weiblich oder typisch männlich geltenden Problembewältigungsstrategien
und Lösungsphantasien. Nicht selten waren sich unsere Väter und Mütter
einig in ihrer meist unreflektierten Abwertung des männlichen oder des
weiblichen Geschlechts. Bemerkenswert ist dabei die bei uns zu
beobachtende Häufigkeitsverteilung. In etwa acht von zehn Fällen
beobachteten wir eine dominante Tendenz zur affektiven Distanzierung von
männlichen Bewältigungsstrategien wie erzieherische Konsequenz,
Strenge, Kontrolle, konflikthafte Abgrenzung, Bestrafung, Ausstoßung,
etc.. Hoffnungen sind stattdessen überwiegend gerichtet auf ein Mehr an
weiblichen Lösungsmustern wie Verständnis, Versorgen, nachsichtiges
Gewähren lassen, Ertragen und Erdulden etc.. Mit solchen Mustern
korrespondierten häufig disqualifizierende oder pathologisierende
Beschreibungen von Männern in den Herkunftsfamilien beider Eltern mit
angstbesetzten oder wenig respektierten Vaterfiguren etc
Gefundene Belastungsfaktoren als Kontextvariablen für die Problementstehung
Das
zweite Ziel der Recherche bestand darin, jene Belastungsfaktoren zu
untersuchen, die nach unserer Einschätzung das Erziehungsverhalten der
Eltern bzw. ihre Lösungsstrategien nachhaltig beeinflussten und als
Kontextvariablen für die Problementstehung eine bedeutsame Rolle
spielten. Aus Therapeutenbeschreibungen und Aktenaufzeichnungen ließen
sich sehr verschiedene gegenwärtige, aber auch weit zurückliegende
Belastungsfaktoren eruieren, denen wir nicht zuletzt auch eine
traumatisierende Wirkung unterstellen konnten. Faktoren, die sowohl im
teil- wie auch im vollstationären Bereich genannt worden sind, ließen
sich drei Kategorien zuordnen. In weitaus der größten Zahl der Fälle
wurden zwei oder mehrere mögliche Belastungsfaktoren gefunden, sodass in
der Regel jeder Einzelfall zwei oder sogar allen drei Kategorien
zugeordnet werden konnte.
- Belastende bzw. traumatische Erfahrungen in eigener Kindheit (ca. 30%), z. B.:
Misshandlung durch eigene Eltern (Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt etc.), frühe Beziehungsabbrüche oder
schwere chronische Störungen in der Beziehung zu den eigenen Eltern.
- Belastungen die vom Problemkind ausgehen (ca. 70%), z. B.:
Entwicklungsbehinderungen und Handicaps des Problemkindes,
ungewollte
Schwangerschaft mit ablehnenden Affekten gegenüber dem Problemkind,
vorausgegangene schwere (oder chronische) Krankheit des Problemkindes,
Pflege- und Adoptivverhältnisse zu Kindern mit frühen Störungen bzw.
Entwicklungsdefiziten.
- andere Faktoren, die sich störend auf die Beziehung zum Kind auswirken (ca. 90%), z. B. :
chronische Disqualifikation in der parentalen Funktion bzw. störende
Eingriffe durch Partner oder Familienmitglieder, verunsichernde
Einwirkung durch „Helfer“ oder helfende Institutionen, schwere oder
andauernde Krankheit eines Elternteils, Verlusterfahrungen (Tod,
Trennungen, Ablösungen, etc.) oder andere extrem belastende
Lebensbedingungen.
Unsere Recherchen haben bestätigt, dass die
Problemstellungen in der KJP in aller Regel multifaktoriell sind und
dass die jeweiligen Entstehungsbedingungen der Problematik nur sinnvoll
verstanden werden können, wenn man sie als zusammenwirkend in einer
komplexen „klinischen Konstellation“ (s. Reiter 1991) erfasst. Die
Beobachtungen der Therapeuten ließen hinsichtlich elterlicher
Belastungsfaktoren keine gravierenden Unterschiede zwischen
vollstationärem und teilstationärem Bereich erkennen. Bemerkenswert
erschienen lediglich Hinweise auf Unterschiede im individuellen
(subjektiven) Hypothesenspektrum eines jeden Therapeuten. So tauchten
Belastungen, die von manchen Therapeuten bei ihren Familien besonders
oft beobachtet worden waren, bei anderen Therapeuten (mit ähnlichen
Aufgabenfeldern) überhaupt nicht auf. Eine andere bemerkenswerte
Erkenntnis für uns bestand darin, dass wir selbst unterschätzt hatten,
wie oft es vorkommt, dass der Einfluss von Helfern sich als
lösungsbehindernde Kontextbedingung darstellt. Erst im Nachhinein fiel
uns auf, wie groß der Anteil von Eltern war, deren gescheiterte
Lösungsbemühungen aus unserer Perspektive in einem direkten Zusammenhang
mit machtvollen Interventionen wohlmeinender Helfer standen.
Angehörige, Lehrer, Ärzte, aber auch Therapeuten tragen offenbar in der
Praxis nicht selten dazu bei, die Verantwortungsübernahme von Eltern
offen oder subtil zu untergraben und damit ihre erzieherische
Wirkungslosigkeit und ihr Hilflosigkeitserleben zu vergrößern. Zwischen
den gefundenen Belastungsfaktoren und der jeweiligen Symptomatik der
Kinder ließen sich letztlich keinerlei spezifische Zusammenhänge
erkennen. So lieferten weder die Belastungsfaktoren irgendwelche
Voraussagekriterien für kindliche Symptomentwicklung, noch ließen die
Symptome irgendwelche zuverlässigen Rückschlüsse auf die Art der
elterlichen Belastungsfaktoren zu. Dies überraschte keineswegs, zumal
sich ja die lang gehegten Hoffnungen von Familientherapeuten über
bestehende Zusammenhänge zwischen der Symptomatik und einer spezifischen
Systemdiagnose nicht bestätigt haben.
Seligmans Konstrukt
der „erlernten Hilflosigkeit“ (Seligman 1979) hat die Anregung
geliefert, für die von uns beobachteten Auffälligkeiten bei Eltern den
Begriff Hilflosigkeit aufzugreifen. Der Begriff erschien uns passend als
umfassende Kennzeichnung für weitaus die meisten Besonderheiten des
Erlebens und Verhaltens unserer Eltern. Weil sich in unserem
Beobachtungsfeld die Hilflosigkeit vor allem oder ausschließlich auf die
elterlichen Funktionen bzw. auf das (identifizierte) Problemkind und
seine Symptomatik bezieht, bevorzuge ich den Begriff „parentale
Hilflosigkeit“ (PH) . Sie geht weit über eine vorübergehende
Ratlosigkeit in schwierigen Erziehungssituationen hinaus und ist nicht
gleichzusetzen mit einer generellen Erziehungs- bzw.
Beziehungsunfähigkeit oder gar Lebensuntüchtigkeit der Eltern. Die PH
ist als Folge- bzw. Begleiterscheinung eines nachhaltig erlebten
(traumatischen) Scheiterns zu verstehen in dem Versuch, erwünschte
Verhaltensänderungen beim Kind zu bewirken, die eigenen für richtig
gehaltenen Erziehungsvorstellungen zu realisieren bzw. eine erwünschte
Form der Beziehung zum Kind herzustellen. PH ist dabei nicht zu
verstehen als Defizitfestschreibung im Sinne eines stabilen
Persönlichkeitsmerkmals oder einer Eigenschaft. Vielmehr stellt sich
die PH als vielschichtiger fließender Prozess individueller
Lösungsversuche und Bewältigungsbemühungen dar. Die PH kann das
dominante Merkmal einer Übergangsphase sein, in der Eltern nach
Möglichkeiten suchen, unakzeptabel Erscheinendes zu überwinden. In einer
solchen Entwicklungsphase scheint sich eine Entscheidung darüber
vorzubereiten, ob neue Formen der Beziehungsgestaltung zwischen ihnen
und dem Kind ge- oder erfunden werden oder ob die Beziehung aufgegeben
und eine innere oder äußere Trennung vollzogen wird. Auch wenn eine
Trennung vom Kind nicht wirklich in Betracht zu kommen scheint, wird sie
von hilflosen Eltern nach unseren Beobachtungen im Sinne einer
denkbaren Lösung implizit oder explizit auffallend oft thematisiert. PH
repräsentiert sich in den Selbstbeschreibungen der Eltern auf den Ebenen
der Kognitionen und der Affektivität und sie zeigt sich dem Beobachter
im konkret beobachtbaren Lösungs- und Erziehungsverhalten.
Kognitive Aspekte der PH
Auf
der kognitiven Ebene zeigt sich die PH als eine Erschütterung des
Selbstbildes und geht mit einem erheblichen Verlust der parentalen
Wirksamkeitsüberzeugung einher. Eltern äußern ein in sich konsistent
erscheinendes erzieherisches Glaubenssystem, an dem sich ihre konkrete
Erziehungspraxis ausrichtet, ohne damit das gewünschte Ziel zu
erreichen. In ihren Einstellungen und Überzeugungen finden wir
unerschütterlich anmutende Haltungen und verfestigte
Beziehungsphantasien mit externalen Ursachenzuschreibungen in Bezug auf
das geschilderte Problemverhalten. Als Erklärungen für die Symptomatik
des Kindes finden wir unpräzise Krankheitsattributionen, weshalb
bevorzugt Ärzte oder Therapeuten aufgesucht werden. Manchmal wird aber
auch ein (ererbter) schlechter oder schwacher Charakter als Ursache für
das kindliche Problemverhalten angenommen. Das eigene
Hilflosigkeitserleben führen sie ursächlich auf die kindliche
Symptomatik zurück und es erscheint ihnen meist abwegig, ihr
Erziehungsverhalten auch als Bedingung für die Symptomentwicklung zu
sehen. Besonders die eigenen Ängste (z. B. vor Konflikten oder vor
Beziehungsverlust) können nicht immer als relevante Eigenanteile an der
Beziehungsproblematik anerkannt werden. Stattdessen beobachten wir, dass
eine laissez- faire- Haltung bzw. ein übermäßig permissiver Umgang mit
dem unerwünschten Verhalten als freiheitlich demokratisch etikettiert
wird oder auch, dass übermäßiges Einengen als erzieherisch notwendig
begründet wird. Gelegentlich hören wir auch die Befürchtung, dass durch
lenkende Einflussnahme oder durch Grenzsetzung im Kind etwas zerstört
werden könne. Am Ende glauben Eltern, in dem geschilderten
Problembereich selbst keinerlei Entscheidungen mehr treffen zu können
und keinen wirksamen Einfluss mehr auf das Kind zu haben. Oft erscheinen
sie wie erstarrt in dem unauflösbaren Widerspruch, alles nach bestem
Wissen richtig gemacht zu haben und trotzdem in ihrer Elternrolle
gescheitert zu sein. Das Resultat ist eine nachhaltige Verunsicherung
oder Erschütterung ihres Selbstkonzeptes als verantwortliche und
kompetente Eltern.
Affektive Aspekte der PH
Auf der affektiven
Ebene finden wir Merkmale, die eng mit den kognitiven Haltungen
verknüpft sind. Eltern zeigen in ihrer Hilflosigkeit eine deutliche
Verunsicherung mit ambivalentem Beziehungs- und Bindungserleben bzw.
emotionaler Distanzierung vom Kind und tendenziellem Energieverlust in
der Beziehungsgestaltung. Im Beziehungserleben dominiert Ambivalenz.
Neben dem Erleben von affektiver Distanzierung gegenüber dem Kind
kämpfen Eltern aus emotionaler Gebundenheit oder einem
Verantwortungsgefühl heraus mit allen Mitteln um das Zusammenbleiben. In
dem Glauben, dass das Kind sich nicht in der gewünschten Weise auf sie
bezieht, empfinden sie ein gestörtes Vertrauensverhältnis, das sich
gelegentlich in „abergläubischen“ Realitätskonstruktionen oder gar in
paranoiden Wahrnehmungsverzerrungen äußern kann. Dazu gehört
beispielsweise die Angst, vom Kind nicht angenommen zu sein, manchmal
sogar gehasst zu werden. Ohnmachts- und Schuldgefühle haben eine
Vermeidung emotionaler Nähe oder zur Folge und münden in eine depressiv
resignierte Beziehungsgestaltung. Insbesondere geht mit parentalem
Selbstwertverlust oft verdeckte oder offene Scham gegenüber der Umwelt
einher.
PH im erzieherischen Handeln
Auf der Handlungsebene
finden wir auffällige Beeinträchtigungen der erzieherischen
Lösungskompetenz. Erziehungsmaßnahmen, die sich auf das Problem
beziehen, erscheinen uns für eine Lösung ungeeignet. Eltern schildern
stabile Tendenzen zu untauglichen Bewältigungspraktiken, die sie bereits
seit längerem, oft über viele Jahre trotz anhaltender Erfolglosigkeit
nach dem von Watzlawik beschriebenen Muster des „Mehr desselben“ weiter
fortsetzen. Haltgebende Erziehungsmaßnahmen sind meist über einen
längeren Zeitraum schon nicht mehr gelungen, obwohl Eltern weiter
hartnäckig um die Kontrolle bzw. um das Zusammenbleiben mit dem Kind zu
kämpfen scheinen. Manche reagieren mit einer nicht kalkulierbaren
Tendenz zu überzogenem Reglementieren und Strafen, wenn sie nicht mehr
ausweichen können. Andere machen ihr Kind zum Herrscher über ihre
Beziehung, begegnen ihm aus einer Unterwerfungshaltung heraus oder
zeigen sich überfürsorglich dienend. Wieder andere parentifizieren ihr
Kind oder stellen sich kommunikativ auf die Geschwisterebene.
Gelegentlich offenbaren sich hinter solchen Beschreibungen auch
Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung etc..
Partielle vs. generalisierte PH, eine Unterscheidung nach Phänomenbereichen
Partielle
PH, die sich gegenüber einem einzelnen Kind bzw. bestimmten Aspekten
kindlichen Verhaltens zeigt, lässt sich von einer generalisierten Form
unterscheiden, die gegenüber mehreren oder allen Kindern in Erscheinung
tritt. In weitaus den meisten Fällen haben wir es mit Eltern zu tun, die
sich gegenüber dem Problemkind extrem hilflos fühlen und verhalten,
während wir eine kompetente und zufriedenstellende Beziehungsgestaltung
gegenüber den anderen Kindern beobachten können. Die generalisierte PH
scheint dagegen häufiger mit anderen Merkmalen eingeschränkter
Lebenstüchtigkeit einher zu gehen. Häufig leben solche Väter oder Mütter
in einem stützenden Kontext. Entweder kompensiert der andere Elternteil
die fehlenden Kompetenzen, Geschwister oder Verwandte übernehmen
parentale Funktionen, oder es gibt externe Unterstützung (z. B.
Jugendhilfe). Therapeutisch stellen uns partielle und generalisierte PH
vor unterschiedliche Aufgaben.
Primäre vs. sekundäre PH, eine ätiologische Unterscheidung
Auch wenn es sich in den uns vorliegenden Beobachtungen noch nicht eindeutig herauskristallisiert hat, scheint es sinnvoll zu sein, im Hinblick auf die therapeutischen Konsequenzen je nach dem dominanten Entstehungskontext eine primäre von einer sekundären PH zu unterscheiden. Primäre PH ist dann anzunehmen, wenn Eltern durch frühere belastende Erfahrungen in der eigenen Kindheit oder durch vorausgegangene, in die Elternschaft „mitgebrachte“ traumatische Erlebnisse mit bestimmten Verhaltensaspekten ihres Kindes nicht zurecht kommen und in ihren Bewältigungsmöglichkeiten überfordert werden. Eine sekundäre PH entwickelt sich aus mangelnder Fähigkeit oder Bereitschaft, das Kind anzunehmen, in der Art wie es entstanden oder wie es auf die Welt gekommen ist. Hier können eine unerwünschte Schwangerschaft oder eine Behinderung des Kindes eine Rolle spielen. So kann z. B. ein frühkindlicher Autismus oder eine andere sensorische Behinderung die Eltern in massiver Weise überfordern und den Zustand der PH herbeiführen. Es kommen für das Entstehen einer sekundären PH aber auch Belastungen in Betracht, die aus dem familiären Kontext oder der Partnerschaft erwachsen. Eine Großmutter beispielsweise, die das Familienleben der Eltern dominiert, ihren Sohn in einer starken Abhängigkeitsbeziehung bindet, die Kindesmutter disqualifiziert und sich darüber hinaus dominant in die Erziehung einmischt, kann zur (sekundären) parentalen Hilflosigkeit ihrer Schwiegertochter, bzw. auch des Kindesvaters, einen erheblichen Beitrag leisten.
Hilflosigkeit aus Sicht der klinischen Psychologie
Um die
in unserem Kontext beobachteten Phänomene mit bestehendem klinischen
Wissen in Verbindung zu bringen, erscheint mir ein Exkurs in die
klinische Psychologie der 70er Jahre hilfreich. Die bedeutendsten
Forschungsbeiträge zum Phänomen der Hilflosigkeit verdanken wir
Seligman und seiner lernpsychologisch orientierten Forschergruppe. In
einem behavioristischen Verständnis wurde das Konzept der „erlernten
Hilflosigkeit“ zunächst als Tendenz zu extremer Passivität beschrieben,
die durch Kontrollverlust in bedrohlichen Situationen ausgelöst wird.
Ursprünglich hatte man sich in der Konzeptualisierung der Hilflosigkeit
ausschließlich auf beobachtbares Verhalten beschränkt. Im Zuge der sog.
„kognitive Wende“ in der Lernpsychologie wurden dann aber kognitive
Prozesse in die Betrachtungen mit einbezogen. Unter Bezug auf Tolmans
(1938) Vorstellungen, nach denen erlerntes Verhalten vor allem auf dem
Aufbau kognitiver Strukturen („cognitive maps“) basiert, wurden
Überzeugungen und Erwartungshaltungen über zukünftige Nichtkontrolle als
entscheidende Grundbedingungen für das Phänomen der Hilflosigkeit
angenommen . Abramson, Seligman und Teasdale (1978) betonten in ihrer
Konzeptrevision, dass es nicht genügt, dass ein aversives Ereignis
objektiv außerhalb der eigenen Kontrollmöglichkeit des Individuums
liegt, um Hilflosigkeit zu erzeugen. Vielmehr konnten sie individuelle
Attributionsstile als Bedingungsfaktoren nachweisen, die die Erwartungen
über eine zukünftige Nichtkontrolle steuern. Sie unterschieden neben
internalen und externalen auch globale und spezifische bzw. zeitstabile
und veränderliche Attributionen und konnten zeigen, dass Depressionen
mit einem Verlust von Selbstwertgefühl eher dann zu erwarten sind, wenn
bei Auftreten eines aversiven Ereignisses globale, stabile und internale
Zuschreibungen gemacht werden. Andererseits konnten sie beobachten,
dass im Zustand von Hilflosigkeit das Realitätserleben verzerrt wird.
Als kennzeichnend für die Konsequenzen beschrieben sie stabile
Selbstbildveränderungen, die nicht nur eine Überzeugung von
Hilflosigkeit in der spezifischen Situation hinterlassen, sondern einen
generalisierten Selbstwertverlust zur Folge haben können.
In
einem der vielen von Seligman geschilderten Experimente antworten
Versuchspersonen, nachdem sie unvermeidbare elektrische Schläge erfahren
hatten, dass sie „ja doch keine Kontrolle über den Schock hätten, warum
es also auch noch versuchen?". Sie ließen zum Schluss auch vermeidbare
Schocks völlig passiv über sich ergehen. Wer die feste Überzeugung
gewonnen hat, dass traumatische Konsequenzen und eigenes Reagieren
voneinander unabhängig sind, verliert die Reaktionsbereitschaft und
tendiert letztlich dazu, objektiv vorhandene Kontingenzen nicht mehr zu
erkennen (Seligman 1979: 52f). Die einmal gefestigte Überzeugung, durch
eigenes willensgesteuertes Handeln erwartete aversive Außenreize nicht
beseitigen oder vermeiden zu können, also ausgeliefert zu sein, zerstört
u. U. dauerhaft das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit (self- efficacy
im Sinne von Bandura 1977) und beeinträchtigt nachhaltig die
Lernfähigkeit für neue Bewältigungsmuster und führt letztlich zu
emotionalen Störungen. Dauerhaftes affektives Erleben von Angst und
Hoffnungslosigkeit, die jede Lebensfreude verdrängen, münden in
Passivität und Energieverlust. Die Auflistungen der psychopathologischen
Folgen erstrecken sich von Schlafstörungen, psychosomatischen
Beschwerden, Panikattacken und selbstzerstörerischem Verhalten bis hin
zum Suizid. Seligman vergleicht die von ihm beobachteten Phänomene mit
den von René Spitz (1967) eindrucksvoll beschriebenen
Hospitalismuseffekten und seinem Konstrukt der „anaklitischen
Depression“. Zu den sozialen Folgen werden außerdem Vertrauensverlust in
primären Beziehungen und Isolation gezählt.
Zur rekursiven Bezogenheit von Hilflosigkeit, Symptombildung und elterlicher Kooperation
Wenn
Eltern ihre parentale Wirksamkeitsüberzeugung und das Vertrauen in ihre
Elternfunktion verlieren, wenn ihre Hoffnung schwindet, die Beziehung
zum Kind aus eigener Kraft zufriedenstellend gestalten zu können, dann
scheint zugleich eine Tendenz zu entstehen, ihre lenkende, haltgebende
und unterstützende Rolle Anderen zu übertragen. Allerdings werden
Kinder in solchen Situationen nach unseren Beobachtungen aktiv und
öffnen sozusagen durch ihr Verhalten das System. Sie senden Signale an
bereitwillige „Verantwortungsnehmer“ (s. Pleyer 1996: 190) und machen
nach außen deutlich, dass innerhalb der Familie Hilfe benötigt wird.
Wenn schließlich Therapeuten einbezogen werden, hat sich meist ein
längerer Prozess vollzogen, in dem sich elterliche Defizite und ihre
Bewältigungsversuche in rekursiven Ursache- Wirkungs- Schleifen mit dem
kindlichen (Symptom-) Verhalten verknüpft haben. Kinder reagieren auf
elterliche Hilflosigkeit mit zunehmender Symptombildung, die wir als
Provokationen zum Handeln und Entscheiden deuten können. Kindliches
Symptomverhalten erzeugt wiederum vermehrten Stress beim hilflosen
Elternteil und trägt, sofern es dessen Bewältigungsmöglichkeiten
überfordert, meist zu noch größerer Hilflosigkeit bei.
Die Frage
aber, was in solchen Fällen als das „Problem“ zu betrachten ist, was
zuerst da war oder was verursachend für das andere ist, stellt sich im
Einzelfall meist ähnlich wie die Frage nach „Henne oder Ei“. Wir finden
Fälle, in denen möglicherweise die kindliche Symptombildung durch
Außeneinwirkungen initiiert wurde (z. B. bei Unfällen oder Misshandlung
durch Fremde). Solche Ereignisse können dann durch unpassendes Reagieren
der Eltern in ein Beziehungsproblem einmünden und schließlich durch
Chronifizierung eine ausgeprägte PH etablieren. Wir sehen aber ebenso
viele Fälle, in denen Elternteile durch einen Persönlichkeits- oder
Verhaltensaspekt ihres Kindes, mit dem sie nicht umgehen können, in
erhebliche Schwierigkeiten geraten sind. Zum Beispiel können ängstlich
gehemmte Eltern durch ein angstfreies und expansives Kind u. U.
erheblich überfordert werden.
Die Hilflosigkeit eines
Elternteils fordert immer die partnerschaftliche Kooperation in der
Erziehung heraus und kann insofern auch die elterliche Paarbeziehung
belasten. Umgekehrt sehen wir mangelnde Kooperation auf der Paarebene
zugleich auch als bedingende Kontextvariable für die Hilflosigkeit eines
Elternteils und eine Symptomentwicklung beim Kind. PH, kindliche
Symptombildung und parentale Kooperation stellen sich in unserer Arbeit
in einer komplexen rekursiven triadischen Verflechtung dar, aus dem die
Phänomene als einzelne nur schwer herauszulösen sind.
Zum Nutzen des Konstruktes „parentale Hilflosigkeit“
Um
Missverständnisse zu vermeiden sei betont, dass es bei der Formulierung
der PH keineswegs um den vermessenen Versuch geht, einen Phänomenbereich
originalgetreu abzubilden oder wie es scheinen mag, ein neues
klinisches Syndrom zu entwerfen. Letzteres sollte der empirischen
Forschung vorbehalten sein. Vielmehr sollte dargestellt werden, welche
Erlebens- und Verhaltensaspekte von Eltern in unserem Kontext besonders
aufgefallen sind und zu welchen ordnenden Kategorisierungen und
Konstruktionen sie uns veranlasst haben, um die Komplexität zu
reduzieren. Letztlich ging es auch darum, therapeutisch verwertbare
Leitlinien zu gewinnen. Die Konstruktformulierung der PH verstehe ich
als Orientierungshilfe mit metaphorischem Charakter. Sie dient als
Landkarte, besser gesagt als grobe Skizze. Ludewig (1988) hat Nutzen,
Schönheit und Respekt als Grundkategorien für die Bewertung von
Therapien vorgeschlagen. Diese Kriterien sollten aus meiner Sicht ebenso
für die in der Therapie angewandten Konstrukte gelten. Aus der
Perspektive einer konsequenten Kundenorientierung (u. a. Rotthaus 1999:
161f) in der Therapie mit Kindern sollten Konstrukte auf dem Prüfstand
der „klinischen Nützlichkeit“ (Reiter, 1995) aus meiner Sicht mindestens
drei Bedingungen erfüllen: Sie sollten für Kliniker und Klienten
gleichermaßen nutzbares Expertenwissen vermitteln, sollten eine
gemeinsam verwendbare Begrifflichkeit für die Konversation bereitstellen
und sollten Hinweise auf praktikable Arbeitsanleitungen für die
therapeutische Kooperation beinhalten.
Das Konstrukt der PH
verweist auf Expertenwissen, welches den Horizont des Verstehens für
alle Beteiligten vergrößern bzw. neu fokussieren kann. Der Rückgriff z.
B. auf die Forschungsergebnisse zur „erlernten Hilflosigkeit“ bzw. auf
die Begrifflichkeiten der kognitiven Psychologie können helfen, die für
die Klienten unerklärlichen Phänomene des Erlebens und Verhaltens als
erklärliche „normale“ Konsequenzen „abnormer“ Belastungen oder
traumatischer Erfahrungen aufzuklären bzw. zu deuten und so in neuer
Weise kommunikabel zu machen.
Sofern die helfenden Experten die
PH als ein „normales“ Bewältigungsphänomen bzw. als überwindbare
Befindlichkeit verstehen, werden Pathologisierungen und entwertende
Konnotationen vermieden. Damit laufen professionelle Helfer weniger
Gefahr, in der Sackgasse einer ethisch- moralischen Bewertung
elterlicher Verantwortungslosigkeit festzufahren. Distanzierende Affekte
und abwertende Zuschreibungen gegenüber Eltern sind nämlich in der
stationären und ambulanten Therapie von Kindern häufig anzutreffen, wo
die Helfer sich hilflos fühlen. Ich möchte behaupten, dass weitaus die
meisten Therapie- oder Beratungsabbrüche daraus resultieren, dass Eltern
sich durch therapeutisches oder beratendes Personal nicht verstanden,
sondern subtil oder offen zurückgewiesen bzw. abgewertet fühlen.
Der
Begriff Hilflosigkeit hat sich in weitaus den meisten unserer Fälle als
sehr geeignet erwiesen, die Realitätssicht von Eltern mit unserer
Therapeutensicht zu verbinden. Sofern Hilflosigkeit als Ideenverlust
bzw. als passagere Erschöpfung definiert wird, die Respekt verdient und
nicht als Defekt mit disqualifizierender Bewertung verstanden wird,
können Eltern die sprachliche Verwendung dieses Begriffes gut
akzeptieren. Wenn darüber hinaus auch explizit die vorausgegangenen
Leistungen und Bemühungen untersucht und gewürdigt werden und
Hilflosigkeit mit all seinen Begleiterscheinungen als Zustand
beschrieben wird, der naturgemäß eintritt, wenn anhaltende Bemühungen
und Lösungsversuche keinen Erfolg bringen, dann sind Eltern auch bereit,
ihre eigene Hilfsbedürftigkeit einzugestehen und therapeutische
Hilfsangebote für sich selbst anzunehmen. In diesem Sinne unterstützt
das Konstrukt der PH die sprachliche und logische Ankoppelung an
elterliche Selbstbeschreibungen und bietet einen für Eltern leicht
verständlichen Rahmen für gemeinsame Dialoge.
PH und kindliche
Symptomatik können als zusammenwirkende Ressourcen mit nutzbaren
Synergieeffekten betrachtet werden. Das Symptomverhalten des Kindes
lässt sich nicht nur als kreativer Lösungsversuch mit hohem
metaphorischem Bedeutungsgehalt verstehen, sondern sehr wohl auch als
schützenswerte Energiequelle, die den Treibstoff liefert für eine
Rückkehr der Eltern zu einer kompetenten Wahrnehmung ihrer Rolle. In der
therapeutischen Nutzung jener Energien, die der kindlichen Symptomatik
innewohnen, sehen wir eine weit größere Chance als darin, sie möglichst
schnell zu beseitigen. Ebenso lässt sich die Hilflosigkeit der Eltern
als hochwertige Ressource verstehen. Immerhin kennen wir als Therapeuten
die Kraft und Kreativität, die von Kindern hilfloser Eltern entwickelt
werden können. Zudem ist es der Tendenz der Eltern zur
Verantwortungsabgabe zu verdanken, dass wir als Therapeuten eine
Einladung und freien Eintritt ins „Problemsystem“ erhalten, um jene
Kontextbedingungen unterstützen zu können, die kindliche
Symptomentwicklung für die Zukunft überflüssig machen.
Aus
meiner Sicht schließt so das Konstrukt der PH eine bisher vorhandene
Lücke. Es stellt neben den reichlich vorhandenen Theorien und
Konstrukten zur kindlichen Symptombildung den fehlenden Baustein für die
Elternseite bereit, sodass Eltern und Kinder als ein Ganzes gesehen und
in der Therapie behandelt werden können.
Konsequenzen für die Praxis der Kindertherapie (und der Jugendhilfe)
Im
Hinblick auf angemessene Optionserweiterungen therapeutischen Handelns
liefert das Konstrukt der PH vor allem auch einen handlungsleitenden
Verständnisrahmen. Es lenkt die Aufmerksamkeit weg vom kindlichen
Symptomverhalten auf die problemerhaltenden Elemente im Denken und
Fühlen der Eltern. Es macht eine heuristische Arbeit an den
Entstehungsbedingungen plausibel, die meist zeitintensives Zusammensein
mit den Eltern erfordert. So kann die Überwindung der Hilflosigkeit als
Bedingung für die Lösung des Problems definiert und als hochrangiges
Arbeitsziel in den Therapievereinbarungen hervorgehoben werden.
Mit
den oben beschriebenen vier symptomatischen Phänomenen der PH sind
zugleich Arbeitsziele für den therapeutischen Prozess vorgegeben:
- die Förderung des Beobachtens und Beschreibens und eines angemessenen (neuen) Wahrnehmens der Signale des Kindes,
- das Erzeugen einer hohen psychischen und physischen „Präsenz“ (vgl. auch Omer u. von Schlippe 2002) und das Herbeiführen verantwortlicher Entscheidungen durch die Eltern,
- Forcierung und Begleitung einer respektvollen Konfliktregulierung und
- das Unterstützen und Einüben von Kooperation.
Am
Ende erfolgreicher Therapien beobachten wir neben erwünschten Effekten
beim Kind bemerkenswerte Änderungen im parentalen Selbstkonzept und in
der affektiven Beziehungsgestaltung mit ihrem Kind.
Auf dem
Hintergrund der (konstruktiv- systemischen) Überzeugung, dass der Mensch
als soziales Wesen seine Realität im kommunikativen Miteinander
erzeugt, lassen sich PH und kindliche Symptombildung als zwei Seiten
einer Beziehungsrealität beschreiben, die sich in gemeinsamen
Konstruktionsprozessen zwischen Elternteil und Problemkind entwickelt
haben. Aus dieser Perspektive kommt der Hilfe zur Überwindung der PH
eine Bedeutung zu, die mindestens als gleichrangig einzustufen ist mit
der therapeutischen Arbeit am Kind selbst. Wie wir das konzeptuelle
Denken über die PH in konkrete therapeutische Praxis umsetzen und wie
wir parentales Wirksamkeitserleben aufzubauen versuchen, ist a. a. O. in
einem Konzeptentwurf für eine „systemische Spieltherapie“ (Pleyer 2001)
dargestellt worden.
Weiterentwicklungen in unserem Therapieverständnis
Über die Zeit musste sich unser tradiertes Therapieverständnis einige Neudefinitionen gefallen lassen. Nach unserer Überzeugung erfordert psychotherapeutische Hilfe für Kinder einen systemischen Denkrahmen, in dem die Eltern des Kindes als Empfänger unserer Dienstleistungen einen zentralen Platz einnehmen. Unsere Arbeit zielt wesentlich darauf ab, einen Kontext von parentaler Kompetenz und Verantwortlichkeit herzustellen. Kindertherapie, die sich als ausschließliche Beschäftigung mit dem Kind und seinen Symptomen versteht, hat nur noch einen eingeengten Indikationsbereich (s. dazu auch Burr 2001: 81)
Dadurch dass wir
in starkem Maße zu Unterstützern, Beratern und Supervisoren der Eltern
geworden sind, anstatt im Sinne einer Reparaturwerkstatt ausschließlich
die Therapeuten der Kinder zu sein, verstehen wir Therapie zu einem
bedeutsamen Teil als Supervision schlecht gelingender Lösungsversuche
der Erziehungsverantwortlichen (s. auch Buchholz 1996: 9).
Zudem
ist Therapie in unserem Arbeitskontext keineswegs nur das, was
Therapeut und Kind oder Therapeut und Familie in der Abgeschlossenheit
des Therapieraums miteinander vollziehen. Therapie realisiert sich im
Gesamtkontext eines vielfältigen Angebotes multiprofessioneller
Einzelleistungen. Deshalb bevorzuge ich es, Therapie in unserem
Arbeitsfeld als Mannschaftsleistung zu verstehen. Dabei haben die
tradierten Rollenzuweisungen und Hierarchisierungen z. B. zwischen
Therapeuten und Erziehern, wie sie in Kliniken und
Erziehungsinstitutionen vorzufinden sind, längst ihre Nützlichkeit
verloren.
Schlussbemerkung
Das in unserem Erfahrungsbereich gewachsene Therapieverständnis kollidiert nicht nur mit überkommenen Krankheitsbegriffen in der Kinderpsychiatrie und anderen Therapieschulen. Vor allem stellt es eine Behandlungspraxis in Frage, in der Therapeuten aus finanzierungstechnischen oder anderen Gründen Kinder auf die Rolle der (kranken) Symptomträger festschreiben und so tun, als seien sie die hauptsächlichen oder ausschließlichen Kunden. Eltern nur dürftig zu beraten oder sie lediglich in einem geringen Umfang zur „Mitbehandlung“ einzubeziehen, entspricht nach Beobachtungen an unseren Familien in der Regel nicht den Bedürfnissen der symptom- und leidtragenden Kinder. Mindestens 7 von 10 Kindern, die zu uns kommen, haben wegen der vorgestellten Problematik z. T. langjährige erfolglose medikamentöse Behandlungen, Einzeltherapien oder Fördermaßnahmen hinter sich. Wo Eltern nicht oder unzureichend einbezogen waren, wurden möglicherweise nicht nur Geld und andere Ressourcen vertan. Vor allem hat dies potentiell dazu beigetragen, die Hilflosigkeit von Eltern zu stabilisieren bzw. zu verstärken. Solche Maßnahmen wurden uns oft genug als wenig nützlich geschildert. Und im Hinblick auf das, was Eltern sich erhofft hatten, wurden sie gelegentlich sogar als unterlassene Hilfeleistung gekennzeichnet. Eine kindertherapeutische Praxis, die die Selbstwirksamkeitsbedürfnisse der Eltern ignoriert, ist deshalb aus unserer Perspektive obsolet. Sofern sich unsere Gesellschaft daran messen lassen will, was ihr die eigenen Kinder wert sind, sollte die Förderung systemisch konzipierter Behandlungsansätze für Kinder und Eltern zu ihren vorrangigen gesundheitspolitischen Zielen gehören.
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Über den Autor
Karl Heinz Pleyer, Diplom- Psychologe
Schroeteler Weg 5
41747 Viersen
kh.pleyer@googlemail.com
Berufliche Kurzbiographie
Psychologischer
Psychotherapeut (app.), Lehrtherapeut für Systemische Therapie und
Beratung (DGSF), Systemischer Supervisor (DGSF),
Weiterbildungen in Verhaltenstherapie, klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie.
Seit
1973 an der Landesklinik Viersen in div. Arbeitsbereichen der Kinder-
u. Jugendpsychiatrie, u. a. Fanny- Zahn- Haus, 1995-2007 Leiter der
Tagesklinik für Kinder.
Freiberuflich:
- 1978 bis 1983 als psychol. Gutachter in Strafrechts- u. Familienrechtssachen,
- seit 1979 in Fall- und Teamsupervision, Institutionsberatung und Leitungscoaching in psychosozialen Institutionen,
- seit 1981 Ausbilder (und Mitbegründer) der Rheinischen Gesellschaft für Systemische Therapie (siehe www.rgst.de).
Mitarbeit in verschiedenen Gremien im Dachverband für Systemische Therapie und Familientherapie.
div.
Fachveröffentlichungen zur systemischen Therapie im stationären
Kontext, Koautor von „Traumatischer Stress in Familien,
Systemtherapeutische Lösungen“, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen

