Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie - Konzepte von gestern für Aufgaben von heute
Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat in einem Schreiben vom 5.6.2002 den Landesärztekammern mitgeteilt, dass Systemische Therapie / Systemische Familientherapie in der ärztlichen Weiterbildung "nicht gelehrt werden soll". Dies hat derzeit zur Folge, dass einige Landesärztekammern, die Weiterbildungsgänge in (Systemischer) Familientherapie bislang anerkannt haben, diese aus ihrer Weiterbildungsordnung streichen.
Kaum vorstellbar, dass sich der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie mit
seinen anachronistischen wissenschaftlichen Positionen deutlicher hätte
bloßstellen können. Mit diesem Lehrverbot für Systemische
Therapie / Systemische Familientherapie nun auch in der ärztlichen Weiterbildung
entfernt sich der Wissenschaftliche Beirat noch weiter von der Realität
der Praxis, in der die hohe Effektivität systemtherapeutischen / familientherapeutischen
Handelns dazu führt, dass die systemischen Ausbildungsinstitute unvermindert
aufgesucht werden - und das eben auch von in den Richtlinienverfahren ausgebildeten
TherapeutInnen. Es ist zu vermuten, dass diese Intervention aufgrund äußeren
Drucks erfolgte, der den Wissenschaftlichen Beirat zwang, ärztliche PsychotherapeutInnen
mit Psychologischen PsychotherapeutInnen sowie Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen
gleichzustellen.
Die Begutachtungspraxis des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie ist
mehr als umstritten. Als "gold standard" für die wissenschaftliche
Qualität der Psychotherapieforschung fordert er analog zur Wirksamkeitsprüfung
medikamentöser Therapien randomisierte, kontrollierte Studien, die laborähnliche
Bedingungen voraussetzen und die die Anforderungen der Praxis und das tatsächliche
Geschehen dort nicht abbilden.
Kritischen Stimmen gegenüber zeigt sich der Wissenschaftliche Beirat
Psychotherapie bemerkenswert resistent. Dies betrifft die Forderung nach der
stärkeren Gewichtung der Ergebnisse von Praxis- und Versorgungsforschung
ebenso wie die grundsätzlichere Kritik, dass der Wissenschaftliche Beirat
Psychotherapie seine Aufgabenstellung verfehlt, wenn er versucht zu definieren,
was Wissenschaftlichkeit - bezogen auf die Psychotherapie - ist. Veraltet
und von der Wirkfaktorenforschung überholt ist zudem die schulenspezifische
Bewertungspraxis des Beirates. Dagegen belegen die Ergebnisse moderner Psychotherapieforschung,
dass gerade die Integration verschiedener Verfahren den schulenspezifischen
Vorgehensweisen überlegen ist. Und genau das ist es, was PsychotherapeutInnen
in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern praktizieren, auch wenn dies in
der sogenannten Richtlinienpsychotherapie verboten ist. Mit der viel beschworenen
und notwendigen Qualitätssicherung in der Psychotherapie hat das nichts
mehr zu tun.
Instabile Systeme erleiden einen Verlust an Flexibilität und gewinnen
an Rigidität ihrer Muster. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Tage
eines Wissenschaftlichen Beirates gezählt sind, der seine Steuerungsaufgaben
mit einem Regelwerk wahrnehmen will, das von der Entwicklung überholt
wurde.
Was kann die Aufgabe eines zukünftigen Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie
sein? Er müsste sich an die Spitze einer Entwicklung stellen, die praxisnahe
Kriterien für die Wirksamkeitsüberprüfung und Qualitätssicherung
integrativer psychotherapeutischer Vorgehensweisen entwickelt. Das kann nur
gelingen, wenn sich der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie von dem überholten
Denkmodell distanziert, dass wissenschaftliche Psychotherapie darin bestehe,
geprüfte Theorie und geprüfte Interventionen spezieller Therapieschulen
in der Praxis exakt anzuwenden. Dieser Ansatz mag im Psychotherapielabor noch
zu reliablen Ergebnissen führen, ist jedoch für die Bewertung der
komplexen Psychotherapiepraxis gänzlich ungeeignet. Der Wissenschaftliche
Beirat Psychotherapie ignoriert darüber hinaus eines der am besten gesicherten
Ergebnisse der Psychotherapieforschung, nämlich den Effekt der gelungenen
TherapeutIn-PatientIn/KlientIn Beziehung auf den Erfolg der Therapie, wenn
er seine schulenspezifische Bewertungspraxis beibehält. Psychotherapie
ist eben nicht wirksam durch eine korrekt schulenorientierte Ausübung,
sondern im Gegenteil erhöht ein größeres methodisches Repertoire
und ein größeres Methodenangebot die Möglichkeit für
den Patienten/Klienten, die am besten geeignete Therapie zu finden.
Wenn der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie seine Bewertungspraxis auf
die Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse stellen will, dann
muss er sein bisheriges Selbstverständnis radikal ändern und sich
als Instrument der Qualitätssicherung in der Psychotherapie neu konstituieren.
Oder sollten vielleicht doch andere Motive die Arbeit des Wissenschaftlichen
Beirats bestimmen?
Was heißt dies für das Vorgehen der DGSF? Für die Beteiligung
an der Diskussion, welche Therapieschule einer anderen überlegen ist,
gibt es ebensowenig einen Grund wie für ein starres Festhalten an einer
Schulenorientierung in der Psychotherapeutischen Praxis. Das schließt
nicht aus, dass ein Verfahren gegenüber einem anderen für bestimmte
Indikationen und in bestimmten Konstellationen von Vorteil sein kann. Zugleich
ist es aber weiterhin wichtig, dass PsychotherapeutInnen den theoretischen
Ansatz einer Therapieschule in fundierter Weise zur Basis ihres Denkens und
Handelns machen, um Vorgehensweisen aus jeweils anderen Therapieschulen angemessen
integrieren zu können. Das bedeutet auch, dass niemand seine persönliche
Neigung zu einem bestimmten Verfahren verleugnen muss, um qualitativ gute
und wirksame Psychotherapie zu machen.
Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie ist auch ein Instrument, in dem
und mit dem Gesundheits- und Sozialpolitik gemacht wird. Die DGSF wird daher
gemeinsam mit der SG - unbesehen der beschriebenen inhaltlichen Positionen
- bestrebt sein, die vorhandenen Spielräume im Psychotherapeutengesetz
zu nutzen, und versuchen, auf dem Klagewege die Zulassung der Systemischen
Therapie als Richtlinienverfahren zu erzwingen.
(Vorstand der DGSF, Januar 2003)

