Stellungnahme für den Wisenschaftlichen Beirat (3/2007)
Antwort auf die Anfrage des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie vom 20. Februar 2007
Mit Brief vom 20.2.2007 fragt der WBP unter anderem nach "Definition und Abgrenzung der Systemischen Therapie von anderen Psychotherapieverfahren und dem Verhältnis dieser Verfahrensdefinitionen zu den einzelnen Methoden, die in den verschiedenen eingereichten Studien zur Anwendung kamen ...".
Antwortbrief
Deutsche Gesellschaft
für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF)
Systemische
Gesellschaft (SG)
Köln / Berlin, den 27. März 2007
Antwort auf die Anfrage des 1.
Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie, Prof. Dr. Schulte
vom 20. Februar 2007
Expertise zur Wirksamkeit der Systemischen Therapie/Familientherapie, vorgelegt beim Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie am 6. Juli 2006
Die Systemische Therapie/Familientherapie ist ein gut abgrenzbares Verfahren mit einem eigenständigen wissenschaftstheoretischen Paradigma, nach dem die beobachtete Einheit die reale oder imaginierte Beziehungswelt der Patientinnen und Patienten ist und die Störung eben dort entsteht und aufrechterhalten wird. Ihr Fokus liegt auf der Erfassung und Veränderung von kommunikativen Prozessen in zirkulären zwischenmenschlichen Interaktionen. Damit geht es insbesondere um die dort beobachtbaren Beziehungsregeln und -muster, vor allem die repetitiven Interaktionsschleifen im je relevanten System, um die ebendort geteilten, in wechselseitiger Beeinflussung entwickelten Grundannahmen und Überzeugungen und um die Beziehungen der Patienten zu ihrem Symptom, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Über die Beeinflussung dieser kommunikativen Prozesse werden krankheitsrelevante Änderungen im kognitiven, affektiven, behavioralen und ggf. im biologischen System der betroffenen Individuen angeregt.
Ergänzend
sei dazu nochmals auf die in der Expertise (Buchfassung Sydow et al. 2007, S.
15) aufgeführten Definitionen verwiesen:
„Ausgehend vom persönlichen Leiden und dem Veränderungsbedarf beim Individuum nutzt die Systemische Therapie/Familientherapie bedeutsame Beziehungen des Individuums zum Verstehen des Krankheitsgeschehens und als Ressourcen zur Veränderung. Durch die Induktion von Veränderungen im Beziehungsgefüge des Individuums wird die Heilung oder Linderung individueller Pathologie angestrebt.
Systemische Therapie/Familientherapie ist – mit anderen Worten – ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt und das zusätzlich zu einem oder mehreren Patienten („Indexpatienten“) weitere Mitglieder des für den/die Patienten bedeutsamen sozialen Systems einbezieht und/oder fokussiert ist auf die Interaktionen zwischen Familienmitgliedern und deren sozialer Umwelt (vgl. Pinsof, Wynne 1995, S. 586). Psychische Störungen werden zirkulär verstanden und behandelt. 'Zirkulär' bedeutet: Statt einseitiger Ursache-Wirkungsbetrachtungen von Krankheitsprozessen ... werden konsequent die Wechselbeziehungen (in Verhalten und Wahrnehmung) zwischen zwei und mehr Menschen, ihren Symptomen sowie ihrer weiteren Umwelt zum Gegenstand des Verstehens und der Veränderung gemacht. Es interessieren also gleichermaßen die Auswirkungen der Interaktionen innerhalb (und außerhalb) der Familie auf die Symptome eines Familienmitgliedes als auch umgekehrt die Auswirkungen von Symptomen auf (andere) Familienmitglieder und deren Interaktionen.“
Positivkriterien
Jede therapeutische Richtung, die empirisch
orientiert ist, entwickelt sich ständig weiter und ist offen für neue
Erkenntnisse. Das hat grundsätzlich Überschneidungen zwischen den
Therapieverfahren in Teilaspekten zur Folge. Die in den Definitionen
beschriebenen Positivkriterien sehen wir jedoch als hinreichend und – wie
gesagt – vergleichsweise scharf an, wie das beispielhaft die nach unserer
Kenntnis einzige empirische Studie über die Unterschiede zwischen den
Familientherapien der verschiedenen Verfahren aufzeigt (a.a.O. S. 48 – 49). Saile
und Trosbach, 2001, prüften, ob sich das manualgeleitete Verhalten systemischer
Familientherapeuten bei der Behandlung von Familien mit einem hyperaktiven Kind
vom Vorgehen von Verhaltenstherapeuten, die familienbezogene Methoden (VT-FT)
anwenden, unterscheiden lässt. Tatsächlich wurden die theoretisch abgeleiteten
Unterschiede der Vorgehensweisen auch bei der Analyse von Therapievideos
identifiziert. Unterschiede ergaben sich bei sieben Interventionstechniken, die
in der Systemischen Therapie/Familientherapie signifikant häufiger eingesetzt
wurden als in der verhaltenstherapeutischen Familientherapie, beispielsweise die
symbolische Darstellung familiärer Beziehungen (wird nur in der ST/Ft, nicht
aber in der VT-FT eingesetzt), das Erfragen von Zusammenhängen und Mustern im
kommunikativen Verhalten von Familienmitgliedern und die Interpretation von
Verhaltensmustern im Gesamtzusammenhang des familiären Zusammenlebens.
In der vorgelegten Expertise ist folgendes Vorgehen
angewandt worden (siehe a.a.O. S. 58): Orientiert an den in anderen
Metaanalysen und Übersichtsartikeln verwandten Kriterien (Asen, 2002; Cottrell
& Boston, 2002; Grawe et al., 1994; Kazdin & Weisz, 1998; Shadish et
al., 1993) operationalisieren wir „Systemische Therapie/Familientherapie“ als
familien- oder einzeltherapeutische Interventionen, die Bezug auf mindestens
einen der aufgeführten Autoren nehmen, die spezifische systemische Methoden in
der Behandlung krankheitswertiger Störungen entwickelt und die systemische
Lehre geprägt haben (Tom Anderson, Ivan
Boszormeny-Nagy, Steve de Shazer, Jay Haley, Salvador Minuchin,
Virginia Satir, Mara Selvini Palazzoli, Helm Stierlin, Paul Watzlawick, Michael
White, Zuk) und/oder die ihre Methoden durch mindestens einen der folgenden
Begriffe spezifizieren: systemisch
(systemic), strukturell (structural), strategisch (strategic), triadisch
(triadic), funktional (functional), lösungsorientiert (solution focused),
narrativ, ressourcenorientiert, Mailänder (Milan), McMaster-Modell (McMaster
model). Neben den „rein“ systemischen Ansätzen wurden auch systemisch
integrative Ansätze berücksichtigt, sofern systemische Interventionen
mindestens die Hälfte des entsprechenden Ansatzes auszumachen schienen.
Negativkriterien
Ausgeschlossen wurden alle paar-, familien- und einzeltherapeutischen Methoden, die von den Autoren selbst ganz oder auch nur teilweise einem anderen Therapieverfahren zugerechnet werden:
1. Nicht berücksichtigt wurden in der vorgelegten Expertise Interventionen im Einzel-, Paar- oder Familien-Setting mit „reiner“ und überwiegender Orientierung an folgenden Therapierichtungen:
- (kognitiv-)behavioral,
- psychoedukativ,
- psychodynamisch.
2. RCT zum Multiple-Family Group Treatment (MFGT) sind, obwohl sie sich häufig auf die ST/Ft beziehen, wegen ihrer starken Betonung des psychoedukativen Anteils nicht aufgenommen worden. (s. McDonell, Dyck 2004).
3. Nicht berücksichtigt wurde auch die Emotionally Focused Marital Therapy (EFT), die dem systemischen, dem humanistischen oder auch dem psychodynamischen Ansatz zugeordnet wird (Ochs et al. 1997). Ihre Schulenzugehörigkeit wird völlig kontrovers diskutiert, und sie wird in den meisten der vorliegenden Metaanalysen und Reviews (s. Kap. 7.1.2 bis 7.1.3) nicht zum systemischen Ansatz gezählt (a.a.O. S. 58).
FT-Studien ohne weitere Spezifikation der Intervention wurden mit aufgenommen und in den Tabellen 9 und 11 mit „FT (?)“ gekennzeichnet.
Verhältnis der Verfahrensdefinition zu den einzelnen Methoden als Beleg für die Wirksamkeit der ST/FT
1. Die große
Mehrheit der in der Expertise berücksichtigten systemischen Therapieansätze ist
im Sinne einer strikten Schulentrennung „rein“ systemisch, z. B.:
Brief
Strategic Family Therapy, BSFT, s. Kap. 7.3.3
Strukturelle und
strategische Familientherapie, Kap. 7.3.10
Lösungsorientierte
Kurztherapie, Kap. 7.3.5
Mailänder Modell, Kap. 7.3.6
Maudsley
Approach Family Therapy, Kap. 7.3.7
Systemische Paartherapie bei Depressionen:
London Trial, Kap. 7.3.12
2. Da in den
Ländern, in denen bisher am meisten empirisch geforscht wurde (USA, UK), der
„schoolism“ schwächer und der „integrationism“ stärker ausgeprägt als in Deutschland, werden bei
einigen systemischen Interventionsansätzen ergänzend auch verhaltensorientierte,
seltener bindungstheoretische Techniken hinzugefügt. Dabei ist zu beachten,
dass eine „behavioral intervention“ nicht zwangsläufig eine verhaltenstherapeutische
Intervention sein muss. Eine starke Fokussierung auf beobachtbares
Verhalten-im-Kontext und somit auf Interventionen, die vorrangig Verhalten
innerhalb spezifischer Kommunikationskreisläufe zu beeinflussen versuchen, ist
insbesondere für die Methoden des Palo-Alto-Ansatzes sowie die strukturelle
und strategische Familientherapie charakteristisch.
2.1 Attachment-Based Family Therapy (ABFT; Kap. 8.3.1) schließlich ist eine Mischung aus systemischen, bindungstheoretischen und Ansätzen der Emotionally Focused Therapy (EFT).
2.2 Drei amerikanische Therapieansätze enthalten neben einem größeren systemischen auch einen kleineren Teil verhaltenorientierter Ansätze:
- Functional Family Therapy (FFT, Kap. 7.3.4)
- Multidimensional Family Therapy (MDFT; Kap. 7.3.8)
- Multisystemic
Therapy (MST; Kap. 7.3.9):
2.3 Zwei Ansätze wurden in die Übersicht der Expertise einbezogen, die etwa je zur Hälfte systemisch und verhaltenstherapeutisch geprägt sind:
- Behavioral Family Systems Therapy (BFST; Kap. 7.3.2)
- Systemic Behavioural Family Therapy (SBFT; Kap.
7.3.11)
2.4 Nicht berücksichtigt wurden Ansätze mit primär verhaltenstherapeutischen oder psychodynamischen Interventionen. Auch alle primär psychoedukativen Ansätze wurden ausgeschlossen.
Hahlweg, Kuschel und Miller (2001) haben in ihrer Übersicht über verhaltenstherapeutische Familientherapie keine einzige der in der Expertise berücksichtigten Interventionen einbezogen, stattdessen (neben präventiven Angeboten):
- verhaltenstherapeutische
Ehetherapie (VET) mit Maßnahmen zur Steigerung der positiven Reziprozität,
Kommunikations- und Problemlösetraining und kognitiven Interventionen
- verhaltenstherapeutische
Familientherapie, dessen typische Form das Elterntraining sei wie z. B.
psychoedukative Familienbetreuung schizophrener Patienten, Therapieprogramm für
Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) oder
das Triple P-Konzept (Ebene 5). Außerdem wird psychoedukative Familienbetreuung
für Schmerzpatienten und kognitiv-behaviorale Kurztherapie bei Tumorpatienten
mit Einbezug der Partner als Co-Therapeuten beschrieben.
Insofern stützt die Arbeit von Hahlweg et al. die in der Expertise vorgenommene Klassifikation von systemischer vs. nicht-systemischer Familientherapie.
Zur Einordnung der Multisystemischen Therapie
Die Multisystemische Therapie ist mit ihrer Orientierung auf alle für den betroffenen Jugendlichen relevanten Systeme als eine für die Systemische Therapie/ Familientherapie prototypische therapeutische Vorgehensweise anzusehen. Interventionstechniken der MST orientieren sich primär an der Systemischen Therapie/Familien- therapie, insbesondere an strukturellen und strategischen Techniken (Joining, Reframing, Enactment, paradoxe Interventionen, Hausaufgaben). Wenn andere Methoden einbezogen werden – nach Angaben der MST-Forscher (Mann et al. 1990) wurden nur bei 17% der Fälle zusätzlich auch kognitiv-behaviorale Interventionen genutzt –, werden diese "wie sich … aus den grundlegenden Annahmen des Konzeptes ergibt, … in einen speziellen Kontext eingebettet" und entfalten durch die Einbettung in diesen kommunikativen Kontext ihre Wirkung (Henggeler et al. 2006).
Swenson und Henggeler ( 2005, S.129 ) beschreiben
selbst die theoretischen Grundlagen der Multisystemischen Therapie wie folgt:
„Die MST hat ihre Wurzeln in der Systemtheorie (Haley 1976; Minuchin 1974) und
in sozioökologischen Verhaltensmodellen (Bronfenbrenner 1979)." Die Autoren führen neun Prinzipien der MST
auf, die den Fokus der MST auf das system- und kontextspezifische Verstehen und
Intervenieren, also auf das Spezifikum der Systemischen Therapie/Familientherapie,
deutlich machen und formulieren u. a.: "Primär geht es in der Diagnostik
darum, den Zusammenhang zwischen den offensichtlichen Problemen und dem
breiteren systemischen Kontext zu verstehen." Oder: "Die
Interventionen zielen auf Handlungsmuster, die innerhalb eines Systems und
zwischen den einzelnen Systemen wiederkehren und die Symptome aufrechterhalten."
(Swenson, Henggeler, 2005, S. 134)
Weitere Abgrenzungen
Unter Psychoedukation wird eine allgemeine Technik der Psychotherapie verstanden, die verfahrensübergreifend Anwendung findet und in der Vermittlung von Information und Wissen besteht. Diese Technik wird auch in der Systemischen Therapie/Familientherapie verwendet, ist aber nicht kennzeichnend für sie.
Elternarbeit – etwa im Rahmen einer psychodynamischen oder verhaltenstherapeutischen Behandlung – zielt auf die Einbeziehung und Beeinflussung der Bezugpersonen ab, versteht jedoch nicht primär das Familiensystem als die relevante Einheit für ein Verständnis der Störung und der Therapie. Das Setting von Elternarbeit im Schlüssel von 1 h Elterngespräch auf 4 h Therapie mit dem Kind oder Jugendlichen unterscheidet sich deutlich vom Setting der Systemischen Therapie/ Familientherapie.
Familienpsychiatrische Arbeit: Familienpsychiatrische Arbeit kann mit einer systemtherapeutischen/ familientherapeutischen Orientierung betrieben werden, aber auch mit anderen Orientierungen (in Deutschland besonders oft: psychoedukativ). Sie muss aber von Psychotherapie (u. a. Systemischer Familientherapie) unterschieden werden, die regelmäßig in einem anderen Setting, mit anderen Voraussetzungen und mit anderen Zielsetzungen durchgeführt wird – u. a. selbstverständlich auch von Psychiaterinnen und Psychiatern.
Psychodynamische Verfahren stützen sich bei ihrer Arbeit mit Familien auf psychoanalytische und tiefenpsychologische Konzepte. Sie stellen die Beziehungsarbeit (Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand) und die Aufdeckung und Bearbeitung unbewusster individueller und familiärer Konflikte in den Mittelpunkt. Spezielle Techniken sind Klärung, Konfrontation, Deutung und Interpretation (s. auch Bauriedl, Cierpka, Neraal & Reich, 2002).
Anmerkung zur Grenzziehung zu anderen Psychotherapieverfahren
Grundsätzlich sei darauf verwiesen, dass die Abgrenzung eines Verfahrens gegenüber anderen nicht zuletzt von der Klarheit der Grenzen der anderen Verfahren abhängig ist. Dies gilt beispielsweise, wenn man die Definition von Kröner-Herwig (2004, S. 21 – 22) von Verhaltenstherapie heranzieht: „Insgesamt lässt sich keine abgeschlossene und homogene theoretische Grundlegung der Verhaltenstherapie konstatieren, da sie grundsätzlich allen Methoden, die auf empirischer Forschung basieren bzw. mit empirischer Forschung korrespondieren, offen gegenübersteht. Ihre pragmatische problem- und zielgerichtete Orientierung beinhaltet die Öffnung gegenüber Hypothesen über neue Interventionsmöglichkeiten und Einsatzbereiche, die dann einer empirischen Prüfung unterzogen werden. Insofern ist eine theoretische Abgrenzung verhaltenstherapeutischer Interventionen von Behandlungsmaßnahmen, die mit anderen Therapieverfahren in Verbindung gebracht werden, oftmals schwierig, insbesondere wenn diese halbwegs operationalisiert sind, ihr Einsatzfeld definiert wird, ihre Kompatibilität mit theoretischen Annahmen gegeben ist sowie ihre Wirksamkeit überprüft wird. Die Verhaltenstherapie wird also eher durch eine offene Grundorientierung definiert als durch ein fest abgeschlossenes Theoriegebäude.“ (Entsprechendes gilt für die VT-Definition des WBP in seinem Gutachten zur VT aus dem Jahr 2004.)
Generell bestehen zwischen den verbreiteten Psychotherapieverfahren
deutliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Darauf weisen Ansätze wie
das Generic Modell von Orlinsky oder der Entwurf einer Allgemeinen Psychotherapie
von Grawe hin. Die meisten Psychotherapie-Verfahren arbeiten mit Kognitionen,
Emotionen und Beziehung, sie nutzen Techniken wie eine aktive
Beziehungsgestaltung, Imagination, Verhaltensänderungen, Rollenspiele,
Ausdruckstechniken, Information, Aufgaben
usw. Oft werden ähnliche Methoden aus unterschiedlichen theoretischen
Ansätzen heraus entwickelt (siehe auch Grawe 1995, S. 137: "Aber etliche
Verfahren, bei denen dieses Wirkprinzip (der Problemaktualisierung) ganz
zentral ist, haben einen theoretischen Hintergrund, der absolut nichts mit der
Verhaltenstherapie zu tun hat, wie etwa der interpersonale Ansatz von Klemann
und Weissmann, Familientherapie nach Haley oder Minuchin oder Hypnotherapie
nach Erickson.") Aus der Anwendung einer Therapietechnik lässt sich deshalb
keine stringente Zuordnung zu einem Verfahren ableiten: Tagebuchtechniken oder
Verhaltensaufgaben werden in der Systemischen Therapie/Familientherapie mit
einer anderen Zielsetzung eingesetzt als in der Verhaltenstherapie oder der
Psychodynamischen Therapie.
Die Abgrenzung eines Verfahrens gegenüber anderen hängt
zudem auch von dem Kontext ab, innerhalb dessen eine Einteilung vorgenommen
wird. Das Therapiemodell von Willi wird in der Schweiz zu den systemischen,
nicht zu den psychodynamischen Therapienverfahren gerechnet. Auch die Psychodynamische
Therapie ist methodisch sehr offen: Es gibt kein psychodynamisches
Behandlungskonzept bei Anorexie, das nicht auch behaviorale Elemente zum
Gewichtsaufbau umfasst; dies macht die Behandlung keineswegs zu einer
Verhaltenstherapie. In der psychodynamischen Traumatherapie kommen Techniken
zum Einsatz, die in der Hypnotherapie und dem NLP entwickelt worden sind, und
in der körperorientierten psychodynamischen Kurzzeittherapie, die als guter
Beleg für die Wirksamkeit der Psychodynamischen Therapie angeführt wurde,
werden Techniken gänzlich anderer Orientierung integriert (z. B. Monsen, K., Monsen, J.T.
2000).
Die Verhaltenstherapie wurde wesentlich von
systemischen Konzepten beeinflusst (und vice versa, Lieb, 2007). Zwei von fünf
zentralen Prinzipien der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen entstammen
der systemischen Perspektive – die Systemanalyse und die Ressourcenorientiering
(Jänicke, Borg-Laufs 2001). Die Multisystemische Therapie und die Aufsuchende
Familientherapie wurden Ende der 60er Jahre im Rahmen der Systemischen Therapie/
Familientherapie entwickelt; heute wird aufsuchende therapeutische Arbeit beim
Patienten auch von anderen Therapieverfahren praktiziert.
Fazit
Auch wenn es demnach logisch schwierig ist, einzelne
Methoden empirisch orientiert und nachweisbar stets einem bestimmten Verfahren
zuzuweisen, so sind insbesondere die Interventionen der Verhaltenstherapie und
der Systemischen Therapie/Familientherapie, wie oben belegt, keineswegs deckungsgleich.
Das Verfahren Systemische Therapie/ Familientherapie ist aufgrund seiner
systemtheoretischen Fundierung und dem daraus entwickelten Menschenbild,
aufgrund der dadurch bedingten therapeutischen Perspektive und aufgrund des
Ansatzes, die psychische oder psychosomatische Erkrankung über die
Beeinflussung des realen oder imaginierten Beziehungsfeldes der erkrankten
Person zu beeinflussen, deutlich von den anderen psychotherapeutischen Verfahren
abzugrenzen.
Dr.
med. Wilhelm Rotthaus
Deutsche
Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie
Systemische Gesellschaft
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