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Vortrag „Trauma-sensible Pädagogik“ mit Alexander Korittko

Am 28. Oktober 2015 fand zum inzwischen siebenten Male im Rahmen der Vortragsreihe „Systemische Kinder- und Jugendhilfe im Dialog“ eine Veranstaltung, organisiert von der Fachgruppe „Systemische Kinder- und Jugendhilfe NRW“ in der Schwerter Rohrmeisterei statt. In diesem Jahr sprach Alexander Korittko vor ca. 200 Zuhörern/-innen zum Thema „Trauma-sensible Pädagogik“.

Bericht über den Vortrag „Trauma-sensible Pädagogik“ 
mit Alexander Korittko am 28. Oktober 2015  in der Schwerter Rohrmeisterei

 

Am 28. Oktober 2015 fand zum inzwischen siebenten Male im Rahmen der Vortragsreihe „Systemische Kinder- und Jugendhilfe im Dialog“ eine Veranstaltung, organisiert von der Fachgruppe „Systemische Kinder- und Jugendhilfe NRW“ in der Schwerter Rohrmeisterei statt. In diesem Jahr sprach Alexander Korittko vor ca. 200 Zuhörern/-innen zum Thema „Trauma-sensible Pädagogik“.


Einführung mit Fallbeispielen aus der aktuellen Arbeitspraxis

Zu Beginn der Veranstaltung stellten vier Kolleginnen aus der Fachgruppe Fallvignetten aus ihrer aktuellen Praxis vor:

  • Das Kind einer drogenabhängigen Mutter, das nach der Geburt einen „kalten“ Entzug erlebt.
  • Ein totgeborenes, dann re-animiertes Kind mit FAS-Syndrom mit guten Entwicklungsmöglichkeiten  in einer Pflegefamilie, die als Konkurrenz von der Herkunftsfamilie erlebt wird.
  • Ein fünf Jahre altes, chronisch erkranktes Kind einer Migrantenmutter mit Überforderungsmustern.

Anschließend folgte als allgemeiner Hinweis der Blick auf die Lage in unserer Welt: die Folgen von 9/11, die Balkankriege, die Lage in Irak, Syrien, in der Ostukraine, die derzeitigen Flüchtlingsströme….Dazu wurden kurze Fragen an das Publikum und an den Vortragenden gerichtet, die als zusätzliche Einführung in das Thema gedacht waren.

Kolleginnen aus der Fachgruppe Systemische Kinder- und Jugendhilfe stellten Fallvignetten aus der Arbeitspraxis vor.


Vortrag: „Trauma-sensible Pädagogik in der systemischen Kinder- und Jugendhilfe“

Alexander Korittko, ein erfahrener Praktiker der Psychotraumatologie, Mitbegründer des „Zentrums für Psychotraumatologie und traumazentrierte Psychotherapie Niedersachsen (zptn)“ und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema, stellte zunächst aufgrund neuerer Erkenntnisse der Hirnforschung den Aufbau des menschlichen Gehirns dar. Er berichtete über verschiedene Entwicklungsstufen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Dann folgten neurobiologisch orientierte Erklärungen zu Stressfaktoren und traumatischen Ereignissen und ihre unterschiedlichen Wirkungen auf Kinder und Erwachsene. Das Auditorium, das sich aus vielen verschiedenen Berufsgruppen und -feldern der Kinder- und Jugendhilfe und verwandter Bereiche zusammensetzte, hörte gespannt zu. Manch einem Gesicht war anzusehen, dass bereits während des Vortrages ein Abgleich mit der je eigenen Berufspraxis eingesetzt hatte.

Der Vortragende beschrieb die „traumatische Zange“ und ihre neurobiologischen Auswirkungen auf Sympathikus und Parasympathikus sowie die Austauschprozesse zwischen Stammhirn, Limbischem System und der Großhirnrinde. Bei vielen Zuhörenden flogen die Stifte mit großer Eile über das Papier, um so viel wie möglich vom Gesagten festzuhalten. Der Redner stellte in einer Folie  die Entwicklung der Synapsenzahl dar („Cells that fire together, survive together [Alan Score]) und stellte dem Auditorium den „Erregungstunnel“ und die Begriffe Über- und Untererregung und ihre jeweiligen Auswirkungen auf das menschliche Verhalten vor. Auf vielen Gesichtern erschien der Ausdruck eines Aha-Erlebnisses. Viele Verhaltensweisen von traumatisierten Kindern und Jugendlichen wurden so plötzlich erklärbar: früh traumatisierte Kinder (im 1. Lebensjahr) entwickeln eine Cortisol-Überproduktion, die zur Zerstörung bereits entwickelter Vernetzungen und zu einer Dysregulation führen könne. Die Folgen seien Probleme bei der Affektregulation, die auch geschlechtsspezifisch beschrieben werden könnten: bei Jungen löse der Dopamin-Mangel aggressives, nach außen gerichtetes Verhalten aus, bei Mädchen führe der Serotonin-Mangel zu autoaggressivem Verhalten und zu Depressionen.

Ein wichtiges Ergebnis der neurobiologischen Hirnforschung sei, dass sowohl Schmerz als auch Lust jeweils Endorphine aktivieren würden. Traumatisierte Kinder und Jugendliche können daher dazu  neigen, sich selbst Schmerzen zuzufügen, sich beispielsweise Haare auszureißen, sich selbst zu verletzen etc. Reaktivierungen eines erlittenen Traumas könnten auch durch Gesten, Gerüche, Geräusche, Mimiken oder Bewegungen ausgelöst werden. Sie seien als „chronifizierte Notfall-Reaktionen des Körpers“ zu verstehen. Die Folge eines früh erlittenen Beziehungsverrats sei die Umkehrung des ursprünglichen Musters: Menschen machen Angst, Alleinsein und Schmerzen sind gut. Die Aufmerksamkeit des Publikums erreichte hier ihren Höhepunkt: eifriges Schreiben, zustimmendes Nicken, konzentrierte Blicke auf die Bildpräsentation, das Anstoßen des Nachbarn/ der Nachbarin und der fragende Blick: erinnerst du dich auch an.…?


Mögliche Hilfen für traumatisierte Kinder

Hiernach leitete der Vortragende zu den möglichen Hilfen über und stellte zunächst fest, dass das Gehirn bei multipler Traumatisierung gelernt habe, dass Sicherheit bietende Personen keine Sicherheit bieten, dass die Aneignung von Kompetenzen auch keine Sicherheit biete und dass Schreien, stereotype Bewegungen und Erstarren als einzige Notfallreaktionen zur Verfügung stehen. Daher würden Kinder mit traumatischen Erfahrungen so schnell wie möglich ein Sicherheit bietendes Umfeld und Sicherheit bietende emotionale Beziehungen benötigen. Außerdem seien eine traumabezogene Anamnese und eine Diagnose der neurophysiologischen Reaktivität notwendig. Ferner müsse Raum geschaffen werden für neue, positive Erfahrungen zur Verlässlichkeit in Beziehungen, zur Nützlichkeit von Kompetenzen und dem eigenen Selbstwert bzw. der eigenen Selbstwirksamkeit.

Hilfen für traumatisierte Kinder würden darin bestehen,

  • für einen geregelten Tagesablauf zu sorgen (Verlässlichkeit schaffen),
  • keine aufdringlichen Kontakte zu gestalten (den Kindern Zeit lassen),
  • Regeln und Konsequenzen zu besprechen (Klarheit und Rahmen bieten)
  • und vor unkontrollierbaren hektischen Situationen zu schützen (Kino, TV, Video, DVD, PC).

Es müsse das Gefühl vermittelt werden, dass Erwachsene den Überblick haben und wissen, was sie tun. Alexander Korittko riet davon ab, Kinder nach ihren traumatischen Erlebnissen zu befragen. Diese seien gut verpackt in der Seele des Kindes und die Verpackung sollte nicht unnötig aufgerissen und entfernt werden, sondern wertgeschätzt und erhalten werden. Das „Antriggern“ würde häufig dazu führen, die chaotische innere Affektstruktur neu zu beleben. Wenn das Kind die früh vermissten Erfahrungen des Geborgenseins genügend nachgeholt habe, sei eine narrative Aufarbeitung häufig nicht mehr indiziert. Es folgten weiter Hinweise auf pädagogische Umgangsformen in der Arbeit mit traumatisieren Kindern und Jugendlichen und einige kurze Hinweise auf mögliche Beratungs- und Therapieverläufe, in denen auch Therapiegeschichten verwandt wurden.

Während seiner Ausführungen ging Alexander Korittko immer wieder auf die eingangs vorgestellten Fallvignetten ein und nahm in seinen Ausführungen auf sie Bezug.

Am Ende seines Vortrages beantwortete er einige Fragen aus dem Publikum, beschrieb dabei skizzenhaft verschiedene Therapieverläufe und wies auch auf die prekäre Lage der Fachleute hin, die derzeit häufig nur in befristeten Verträgen diese verantwortungsvolle Beratungs- und Therapiearbeit leisten würden.Langer, dankbarer Applaus verabschiedete den Redner in den wohlverdienten Abend. Der Saal in der Rohrmeisterei leerte sich nur langsam, in Gruppen standen die Besucher/-innen noch zusammen, unterhielten sich, warteten auf die Gelegenheit, mit dem Redner einige Worte zu wechseln oder schauten sich gründlich den wohlsortierten Büchertisch einer Schwerter Buchhandlung an, um noch das eine oder andere interessante Buch zum Thema zu erwerben.

Die Mitglieder der den Abend organisierenden Fachgruppe waren stolz über den reibungslosen Verlauf dieser interessanten Veranstaltung, die vielen Fachleuten aus unterschiedlichen Berufen mehr als nur einen kleinen Einblick über die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen gegeben hat. Sie ließen gemeinsam den Abend in der Gastronomie der Rohrmeisterei ausklingen und versicherten sich gegenseitig, für den nächsten Herbst den dann achten „Dialog“ vorzubereiten.

Bericht: Klaus-Peter Langner, DGSF

Der Tagungsbericht steht hier als pdf-Dokument zur Verfügung.