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Wächst zusammen, was zusammen gehört …?

Tagungsbericht von Matthias Richter über die 16. Wissenschaftliche Jahrestagung vom 22. bis 24. September 2016 in Frankfurt a. M.

Wächst zusammen, was zusammen gehört …?

Ja, ich habe mich in meinem Leben immer wieder und an verschiedenen Orten politisch engagiert. Ja, ich habe es seit ungefähr zehn Jahren aufgegeben und mich dem Beruf und einigen wenigen Hobbys gewidmet. Und ja, mich machen populistische, antidemokratische Entwicklungen in unserer Gesellschaft besorgt. Und obwohl ich im Vorfeld der diesjährigen DGSF-Jahrestagung im September in Frankfurt wahrgenommen hatte, dass das Forum Gesellschaftspolitik in der DGSF einen „Strang“ von Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen angekündigt hatte, war ich letzten Endes positiv überrascht und beeindruckt, wie stark diese Themen den Kongress in diesem Jahr geprägt haben.

Sicher hat das auch mit meiner persönlichen Auswahl von Veranstaltungen aus dem umfangreichen Programm von 19 Hauptvorträgen und ca. 100 Workshops, Symposien und Vorträgen zu tun, die diese Tagung zu bieten hatte. Aber auch aus Gesprächen mit anderen TeilnehmerInnen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die politischen Themen diesem Kongress einen wichtigen Schwerpunkt verliehen haben. Den Anfang machte Prof. Dr. Christoph Butterwegge mit dem Thema „Armut, Prekarität und soziale Ausgrenzung in Deutschland“. In seinem Vortrag lieferte er eine eindrückliche Gesamtbetrachtung der Entwicklung der letzten Jahrzehnte hin zur immer tieferen Spaltung der Gesellschaft und benannte auch die wesentlichen Entscheidungen in der Wirtschafts-, Steuer- und Rentenpolitik, die diesen Prozess vorangetrieben und beschleunigt haben. Ein Kernpunkt seiner Ausführungen war die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der neoliberalen Politik auf den Armuts- und Gerechtigkeitsbegriff. Eindrücklich zeigte er auf, wie die Relativierung des Armutsbegriffes (z.B. durch Hinweis auf Armut in der sog. 3. Welt) Ausgrenzung und Schuldzuweisung zu den von Armut Betroffenen verschärft. Ironie der Geschichte: Abends in den Tagesthemen wurden der „Kompromiss“ zur Erbschaftssteuer sowie die Zunahme der Armutszahlen in Deutschland bekannt gegeben …

Der „Strang“ der gesellschaftspolitischen Themen fand seine Fortsetzung am nächsten Tag in einem Vortrag von Fabian Scheidler mit dem Titel „Ausstieg aus der Megamaschine“. In seiner Analyse sprach er von einer „systemischen Doppelkrise“ unserer Gesellschaft und forderte dazu auf, soziale und ökologische Gerechtigkeit gemeinsam zu thematisieren. Anderenfalls drohten Zerfallsprozesse der demokratischen Institutionen und ein weiterer Zuwachs an autoritären Strömungen. Sein Gegenmittel heißt Partizipation, derer zu viele Menschen in den letzten Jahren müde geworden seien und damit die demokratischen Institutionen autoritären Kräften überließen.

Patrick Schreiner von der Gewerkschaft verdi ergänzte diese Perspektiven ganz hervorragend, indem er unter der Überschrift „Unterwerfung als Freiheit“ die Auswirkungen des Neoliberalismus in unserem Alltag beschrieb. Der Widerspruch zwischen der Behauptung, Leistung lohne sich und bringe maßgeblich die gesellschaftliche Position hervor und der Erfahrung vieler Menschen, dass eher Herkunft und sozialer Status die eigene Lage bestimmen, wurde als funktional für die neoliberale Gesellschaft dargestellt. Die wichtige Rolle z. B. von Ratgeber-Literatur oder von Casting-Shows für die Aufrechterhaltung dieser Ideologie wurde von ihm prägnant herausgearbeitet. Beide dienten dem marktkonformen Menschenbild, das Anpassungsbereitschaft, Unternehmergeist, Egoismus fordere und von jeder/m Einzelnen verlange, sich fortwährend selbst zu thematisieren, zu optimieren und zu präsentieren. Als Perversion bezeichnete er schließlich, dass diese Unterwerfung unter die Marktprinzipien auch noch als Freiheit erlebt werden solle und nicht selten erlebt werde! Eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Rolle von Beratung und Therapie in diesem Zusammenhang hatte an dieser Stelle keinen Platz – bleibt aber sicher eine wichtige Aufgabe für die zukünftige Diskussion in der DGSF, aber auch darüber hinaus.

Im Hauptvortrag am Schlusstag unter dem Titel „Experimentelle Politik. Zur Kritik der Postdemokratie“ widmete sich Prof. Dr. Claus Leggewie ausführlich der Krise der repräsentativen Demokratie. Er beschrieb sie als Beteiligungskrise, in der der Rückzug großer Teile der emanzipativ orientierten Bevölkerung den Raum für die Ausbreitung eines „völkisch autoritären Nationalismus“ geschaffen habe. Dieser Nationalismus speise sich auch aus autoritär verfassten Persönlichkeits- und Familienbildern, die schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die Keimzelle des Faschismus gebildet hätten. Plastisch machte er deutlich, wie diese „vom Zorn getriebenen sozialen Bewegungen“ sich die Legitimation verschafften, das „Volk“ über das Recht zu stellen. Trotz (oder gerade wegen) dieser düsteren Gesellschaftsanalyse war sein Aufruf klar und deutlich, sich politisch einzumischen. Dazu müssten allerdings viele Anhänger der offenen Gesellschaft über ihren Schatten springen und ihre (durchaus berechtigte) Kritik an den verkrusteten Institutionen der repräsentativen Demokratie zurückstellen. Stattdessen gelte es, sich entweder in bestehenden Strukturen (Parteien, Gewerkschaften, NGO’s, Verbänden) oder eben in neu zu entwickelnden Beteiligungsformen (wie z. B. den von Leggewie vorgeschlagenen Zukunftsräten) zu engagieren. Dies fördere zudem Glück und Zufriedenheit. Anderenfalls allerdings drohe fehlendes Engagement ein „relativ stabiles demokratisches System“ zu zerstören.

Am Ende der abschließenden Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Unser neoliberaler Alltag und unsere Handlungsspielräume“, die vom gesellschaftspolitischen Sprecher der DGSF Prof. Dr. Jochen Schweitzer moderiert wurde, äußerten sich zahlreiche Anwesende ermutigt, ihr gesellschaftliches Engagement zu erhöhen und sich sowohl als Fachkräfte, wie auch als Bürgerinnen und Bürger in ihren jeweiligen Umwelten einzubringen. Der DGSF-Vorsitzende Dr. Enno Hermans bedankte sich abschließend bei den Mitgliedern des Forums Gesellschaftspolitik dafür, dass diese mit Ausdauer und Hartnäckigkeit dafür gesorgt hätten, die politische Debatte in der DGSF neu zu beleben. Er zeigte sich optimistisch, dass diese Debatte den Verband voranbringen und in der Jahrestagung 2017 in München eine Fortsetzung finden werde.

Und die Fachinhalte? Wer wollte, konnte sich sicher auch ein persönliches Tagungsprogramm zusammenstellen, dass eher fachliche Schwerpunkte hatte. Von Nora Bateson zum Thema „An Ecology of Mind“, Dr. Konrad Peter Grossmann zur „Langsamen Paartherapie“ über Dr. Klaus Doppler mit der Perspektive auf „Die Logik der Anderen“ oder Dr. Peter Fuchs zum „Kreuz mit dem Systemischen“ bis hin zu den Professoren Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff („Kinder stärken!“) und Dr. Martin Korte („Wie unser Gehirn lernt“) war ein breites fachliches Spektrum in den Hauptvorträgen geboten. Ergänzt wurde es durch eine Vielzahl weiterer Vorträge und Workshops, in denen Methoden und Techniken, Haltungen, systemische Lehre, Geschichte und Geschichten thematisiert wurden. Aber auch hier blieb der Blick auf gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen nur selten aus und so dürfte die Erinnerung an die Frankfurter Jahrestagung als eine politische durchaus angemessen sein – natürlich neben der Erinnerung an ein sehr schönes, modernes Ambiente der Frankfurter Universität mit herrlich kurzen Wegen und das wunderbare Spätsommerwetter.

Wie immer wurde die Tagung beendet mit der Übergabe des Tagungs-Staffelstabes an den Veranstalter der nächsten DGSF-Jahrestagung. In diesem Fall war das Tobias von der Recke aus München, der vom 12. bis 14. 10. 2017 in die bayrische Landeshauptstadt einlud. Mit seinem Titel „Von der Neutralität zur Parteilichkeit – SystemikerInnen mischen sich ein“ versprach er, an den politischen Schwerpunkt anzuknüpfen und die politische und historische Dimension systemischen Arbeitens zum Thema zu machen – und damit dazu beizutragen, dass (weiter) zusammenwächst, was zusammen gehört …

 

Matthias Richter