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Wieder zu Hause - Über die Kultur systemischen Tagens

Tagungsbericht über die DGSF-Jahrestagung 2012 in Freiburg von Carsten Hennig (Frankfurt am Main).

SystemikerInnen werfen bekanntlich den Blick auch auf das Ganze. Wenn dabei die Kultur als solche in das Sichtfeld gerät und zu diesem Thema intensiv getagt wird, sind spannende Vorträge, Foren und Workshops vorprogrammiert - und dann lernt auch dieses System noch etwas über seine eigene Kultur.

 

"Ich bin sehr zufrieden mit den beiden ersten Veranstaltungstagen", so Michaela Herchenhan im Gespräch im Laufe des ReferentInnenempfangs. Zuvor war die bis dahin zweite Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) im Rahmen der Mitgliederversammlung herzlichst von ihrem Posten verabschiedet worden, den sie zwei erfolgreiche Amtsperioden lang mit Hingabe ausgeübt hatte. Auch bei den anderen Mitgliedern des Vorstands war die Stimmung am Vorabend des Konferenzteils der Tagung, die in diesem Jahr den Titel "Dialog der Kulturen - Kultur des Dialogs" trug, sichtlich gelöst. Die Versammlungen der Institute und der Verbandsmitglieder hatten bereits im Vorfeld der 12. wissenschaftlichen Tagung der DGSF statt gefunden - außerdem feierte der Freiburger Familientherapeutische Arbeitskreis (FFAK) sein 25jähriges Bestehen im Rahmen der Tagung, die vom 03.-06. Oktober 2012 in Freiburg im Breisgau statt fand und vom FFAK in Kooperation mit der Freiburger Uniklinik ausgerichtet wurde. "Es ist toll, wie in der Mitgliederversammlung lebhaft und auch durchaus kontrovers diskutiert wurde", freute sich DGSF-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg). Institute hatten gemeinsam getagt, Mitglieder hatten sich getroffen, und es wurden Anträge vorgestellt, diskutiert und verabschiedet, sowie über die Modularisierung des DGSF-Ausbildungskonzeptes visioniert. "Da haben wir etwas richtig gemacht", betonte Schweitzer, "der Verband ist auf einem guten Weg".

 

Emotionen wirken kollektiv

 

Die etwa 800 Besucher, die gekommen waren, um Prof. Dr. Luc Ciompi (em.) den offiziellen Eröffnungsvortrag "Gefühle machen Geschichte" halten zu hören, waren eine elegante Bestätigung für die gelungene Ausrichtung der diesjährigen Verbandstagung. Tatsächlich war es spannend und hoch interessant, das "Urgestein" Luc Ciompi über fraktale Affektlogik und den Stellenwert von kollektiven Emotionen aus systemischer Sicht sprechen zu hören. Der Altmeister der Psychiatrie erläuterte die global-kollektive Wirkkraft von Emotionen anhand einiger anschaulicher Beispiele der jüngeren Geschichte, die zusammen genommen einen durchaus provokativen Spannungsbogen beschrieben. Ciompi verdeutlichte die Wirkungsweise und die Reproduktionsdynamik von Scham-Wut-Spiralen anhand der kollektiven psychisch-seelischen Verfasstheit Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und dem daraus wachsenden Nazideutschland mit seinem sich selbst überhöhenden Haß- und Gewaltregime. Er spannte den Bogen weiter über die Dynamik des Israel-Palästina-Konflikts bis hin zum Arabischen Frühling. Hierbei verwies immer wieder auf die fraktale Logik der von ihm beschriebenen Prozesse, also die impliziten strukturellen Ähnlichkeiten, Rekursionen und Bifurkationen.

 

Wider den Faschismus

 

Den Begriff "Sprengstoff" im Zusammenhang mit solcherlei Fallbeispielen zu verwenden hätte makaber scheinen können - wäre da nicht die Tiefgründigkeit gewesen, mit der der mittlerweile 83jährige Eröffnungsredner seine Thesen vorbrachte. So muss im Rückblick als einzig bedauerlich an dem Abend mit Luc Ciompi bleiben, dass sich keine Zeit mehr für ihn fand, noch ausführlicher die vermeintlichen Selbstähnlichkeitsprozesse zwischen beispielsweise der NS-Diktatur und dem palästinensischen Flüchtlingsproblem explizit zu machen, oder die Rolle der Medien als Vermittler kollektiver Emotionen im Arabischen Frühling zu erläutern - Themen, zu welchem ein Mensch wie Luc Ciompi, der den europäischen Faschismus der 30er und 40er Jahre als Zeitzeuge mit erleben musste, sicherlich noch einige Anmerkungen gehabt hätte.

 

Das Diktat des Kapitals

 

Prof. Dr. Boike Rehbein (Berlin) machte seinem Publikum deutlich, wie der Kapitalismus seit seines Siegeszuges weltweit von den Eliten benutzt wird, um die althergebrachten Herrschaftsstrukturen mit seiner Hilfe zu erneuern und zu reproduzieren. Die jeweiligen Machthaber instrumentalisierten die neoliberale Marktideologie, so Rehbein, und passten sie an die nationalen Bedingungen und die Verhältnisse vor Ort an, also etwa institutionell, politisch oder historisch. Dies erlaube es Ihnen, machtspezifische Traditionslinien und daraus resultierende Sozialstrukturen aufrecht zu erhalten, während sie gleichzeitig eine Transformation zu einer spezifisch national-kapitalistischen Kultur einleiten, argumentierte Prof. Rehbein. Entsprechend der kapitalistischen Logik steht dabei die Ungleichheit im Vordergrund, die den Ressourcenfluss als Motor benutzt, um soziale Schieflagen zu festigen, für die gleichzeitig – entsprechend der Ideologie des „schönen neuen Systems“ – das betroffene Individuum persönlich verantwortlich gemacht wird. Damit sei im Rahmen des weltweiten Siegeszuges des Kapitalismus laut Rehbein eine differenzierte multizentrische Welt entstanden, in der sich alte Machtzentren mit Hilfe nationaler Varianten des Kapitalismus die Herrschaft teilten.

 

Mehr Kultur erwünscht

 

Zu Beginn seines Vortrags "System und Kultur - Warum sich Systemiker mit Kultur beschäftigen sollten" betonte Tom Levold, u.a. Lehrcoach und -therapeut in eigener Praxis, sowie Mitherausgeber von Kontext, dass nicht einmal 1% aller deutschsprachigen systemischen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte das Thema Kultur auf irgendeine Weise im Titel trügen oder per Stich- beziehungsweise Suchwort in den Fokus rückten. Damit wollte er keinesfalls implizieren, SystemikerInnen seien kulturlos. Vielmehr nutzte er diesen Einstieg, um seinem Publikum über einen kleinen Umweg durch die Geschichte des Kulturbegriffs und durch seine Wandlungen zu führen, was er mit durchaus unterhaltsamen wie anschaulichen Beispielen zu unterlegen wusste - schmunzelnd denkt man das Stichwort "Bricolage", welches im Zusammenhang mit dem Kulturbegriff im weitesten Sinne eine Form der Multi-Kultur meint, in der sich tradierte und moderne Kulturpraktiken, -verständnisse und -formen überlagern und durchmischen, und welches Tom Levold mit Hilfe des Bildes islamischer Terroristen untermalte, die sich moderner Mobiltelefontechnik bedienen, um bei ihren Attentaten Bomben fern zu zünden. Levold bediente sich hier des islamischen Fundamentalismus und der modernen Medientechnologie, um den Kontrast zwischen tradierten beziehungsweise modernen kulturellen Sphären und Formen greifbar zu machen.

 

TherapeutInnen "dealen" mit Werten

 

Der Dialog zwischen den Sphären wirke kultivierend, argumentierte Levold weiter, indem er die Grenzüberschreitung als Kontaktangebot definiere - hieraus entwickelten sich die Diskurse, mit deren Hilfe gemeinsame Kultur geschaffen werde. TherapeutInnen und BeraterInnen nehmen nach Tom Levold hierbei eine zentrale Stellung ein, da sie nicht nur zwischen den Sphären, sondern auch zwischen den Diskursen vermitteln sollten. Am Beispiel des Individualisierungsdiskurses, der in unserer Gesellschaft zwar vorherrschender Leitdiskurs sei, machte er deutlich, dass dennoch verschiedene andere Lebensweisen existierten, für die nicht nur der Individualisierungsdiskurs keine unmittelbare Leitfunktion hätte, sondern die zusammengenommen auch dominanter seien und beispielsweise in Subdiskursen wie etwa populären Medienformaten sichtbar würden. Die dominante Präsenz des einen gegenüber der realen Wirkmächtigkeit eines anderen Diskurses erzeuge ein Spannungsfeld unterschiedlicher Werte und Überzeugungen, zwischen denen sich die Menschen in unserer Gesellschaft hin- und hergerissen fühlten. Aufgabe der SystemikerInnen – Fachleute für komplexe und dynamische Zusammenhänge – sei es, so rief Tom Levold sein Publikum auf, den Menschen bei der Verhandlung ihrer Wertesysteme, also der persönlichen Ausrichtung ihrer Identität, Unterstützung zu bieten.

 

Systemischer Kulturwandel

 

Folgen wir der Logik der Eröffnungsbeiträge, so leisteten die systemischen Vorträge, Foren, Workshops und Feste im Rahmen der DGSF-Jahrestagung einen Beitrag zur Besinnung auf unsere Rolle als SystemikerInnen in einer Welt, deren kulturelle Komplexität uns und unsere Mitmenschen immer wieder an den Rand des Begreifbaren führt. Unsere Chance besteht darin, gemeinsam im Dialog zu sein über die Grenzen unserer individuellen Sichtweisen, über die Folgen dieser Grenzen und über die Wünsche und Ziele, die wir innerhalb und außerhalb dieser Grenzen für uns und füreinander verorten. Auf diese Weise können wir gemeinsam in der heutigen Welt bestehen und gleichzeitig zu einer kulturellen Transformation beitragen, die Wertekonflikte entschärft, Machtstrukturen relativiert, und soziale Schieflagen entlastet. In diesem Sinne war die DGSF-Jahrestagung 2012 unsere Tagung - ein weiterer Anstoß hin zu einer systemischen Kultur. Wenn dabei nicht jedes Detail so geklappt haben sollte, wie geplant, so sollten wir das augenzwinkernd als „natürliche Reibungsverluste kultureller Transformationsprozesse“ verbuchen. Insgesamt war die Tagung erfolgreich, und wir haben uns in Freiburg sehr wohlgefühlt – Prof. Schweitzer bezeichnete eingangs das Tagen in der schönen Stadt im Breisgau als „nach Hause kommen“. In diesem Sinne: Danke, lieber FFAK, dass wir zu Ihnen nach Hause kommen durften.

 

Autorenkontakt: mail|at|carsten-hennig.com