Sie sind hier: Startseite / Über uns / Tagungen / DGSF-Jahrestagungen / Frühere DGSF-Jahrestagungen / Bericht über die Jahrestagung 2005 in Oldenburg
Print

Bericht über die Jahrestagung 2005 in Oldenburg

Triadisches Verstehen in sozialen Systemen – Eindrücke von der 5. Wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF | Bericht von DGSF-Mitglied Ulrike Behme-Matthiessen

Das Hoch "Oldenburgia" meinte es gut mit uns auf der diesjährigen Jahrestagung der DGSF in Oldenburg ( 5.-8. Oktober 2005 ) zum Thema "Triadisches Verstehen in sozialen Systemen – Gestaltung komplexer Wirklichkeiten". Ein Kreativteam hatte in dem nüchternen Foyer der Oldenburger Universität verschiedene einladende Ecken zum Verweilen gestaltet. Selbst auf den Toiletten waren Skulpturen zu bewundern und Platz für "triadische Klosprüche". Auch die Klaviermusik bei der morgendlichen Ankunft und in den Pausen trug zum Wohlbefinden bei.

Überschrieben waren die einzelnen Kongresstage "Vom Verständnis zum Handeln
( Diagnostik)", "Vom Handeln zur Bewegung (Intervention)" und "Von der Bewegung zur Veränderung ( Visionen)". Unterteilt war jeder Tag in Keynotevortrag, Subplenen, Hauptvor-träge am Vormittag sowie Workshops und Facharbeitsgruppen am Nachmittag.

Aus der Vielzahl der Veranstaltungen habe ich mir zuerst einmal (passend zu meinem Arbeitsfeld) kinderpsychiatrische Themen ausgesucht. Jeder, der in kinderpsychiatrischen Zusammenhängen arbeitet, wird von der Diagnose "ADHS" geradezu verfolgt. Von daher interessierte mich besonders der Workshop von Helmut Bonney "Harte und weiche Tatsachen: Ein frischer Blick auf die systemische Behandlung der ADHS und ihre neuro-biologische Basis". Helmut Bonney veranschaulichte die neurobiologischen Hypothesen zur Entstehung von ADHS, die für ihn aber nicht die Konsequenz haben, unbedingt eine Behandlung mit Methylphenidat einzuleiten. Ganz im Gegenteil belegen die neueren Er-kenntnisse die ungeheure Plastizität des menschlichen Gehirns, seine Anpassung an ganz unterschiedliche Arten von Einflüssen. Besonders bedeutsam sind für Bonney die Aus-wirkungen früher Regulationstörungen auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns und auf die Ausprägung des dopaminergen Systems. Auf die Frage nach dem "Was tun?" ist mir neben den bekannten struktur- und regelorientierten Interventionen die Betonung der handelnden im Gegensatz zur sprechenden Kommunikation gut im Gedächtnis geblieben : 10 Tage Erziehung ohne Worte. Bonney betont hierbei die Wichtigkeit familientherapeutischer Interventionen. Die Anleitung zur handelnden Kommunikation über Berührung und Blickkontakt wurde in der Videoaufzeichnung einer Familientherapiesitzung eindrucksvoll demonstriert.

Die Behandlung von Angststörungen erscheint ja häufig als die Domäne der Verhaltensthera-pie - auch bei Kindern und auch in den Augen der Systemiker. Dass die Systemische Therapie noch etwas anderes zu bieten hat, wurde deutlich in der Veranstaltung "Systemische Therapie von Angststörungen" der Fachgruppe "Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie". Hier wurden verschiedene ressourcen- und lösungsorientierte Möglichkeiten vorgestellt, mit kindli-chen Ängsten umzugehen. Gemeinsam war allen Vorträgen, dass es wichtig ist, Angst als eine überlebenswichtige Fähigkeit zu akzeptieren. Um Ängste handhabbar zu machen, können dann Geschichten Mut machen und selbst gemalte Comics Lösungsschritte aufzeigen. Stärken können mit Skulpturen oder in Form von "mind-mapping" bewusst gemacht und schrittweise verankert werden. G.Geiken, C. Hubert-Schnelle, W. Burr und U. Scheffler demonstrierten viele kreative Ideen, mit Ängsten einmal anders umzugehen.

Arist von Schlippe stellte in seinem Vortrag "Autorität durch Beziehung – Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung" ein Konzept des Elterncoachings vor, das von Haim Omer in Israel entwickelt wurde und für dessen Weiterentwicklung und Etablierung in Deutschland sich Omer und von Schlippe gemeinsam einsetzen. Kernbotschaft ist die Stärkung der "elterlichen Präsenz". Auch wenn noch keine Lösungsideen vorhanden sind, werden die Eltern darin unterstützt, ihren Kindern zu vermitteln, dass sie "da sind und da bleiben". Das bekannte "Sit In" der Eltern im Zimmer ihrer Kinder ist hier nur eine Möglichkeit. Wichtig war Arist von Schlippe die Grundhaltung beim Elterncoaching, die stützende Funktion des Beraters ("neben und hinter den Eltern"), erst in zweiter Linie ging es um die Vermittlung von Strategien, die hilfreich sind, aus zugespitzten Teufelskreisen auszusteigen.

Joseph Rieforth, der die diesjähige Jahrestagung in Oldenburg ausgerichtet hat, machte in seinem Vortrag "Pathogenese und Salutogenese – Systemtherapeutische und Psychodynamische Verfahren in Therapie und Beratung" die Integration pathogenetischer und salutogenetischer Ansätze zum Thema.. In einem "Neun-Felder Modell" verknüpft er Problem, Ressource und Lösung mit Fragen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so dass neben Lösungs- und Ressourcenorientierung auch die Probleme und die bisherigen Problemlösungsversuche ausreichend Würdigung erfahren.

Insgesamt waren auf der diesjährigen Jahrestagung mehr Ansätze aus einer psychodynami-schen und humanistischen Tradition vertreten. Es ist kein Widerspruch mehr, durch fachlich-inhaltliche Weiterentwicklung das eigene Profil deutlich zu schärfen, gleichzeitig aber auch Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten mit anderen Richtungen suchen.
Ein gelungener Abschluss war für mich der Vortrag von G. Ballreich "Vom Konflikt zum Dialog – Wie die Drittpartei in Konflikten mit dem "Raum" zwischen den Streitparteien arbeiten kann". Thema war die Konfliktdynamik sowohl im Menschen als auch zwischen Menschen. Anhand eines gut nachvollziehbaren Modells ( Maslows Bedürfnispyramide mit Erkenntnissen von Martin Buber) machte Ballreich deutlich , wie der Raum "dazwischen" vom Berater als Dialograum sichtbar gemacht und genutzt werden kann. So können Automatismen überwunden und Verständnis und eigenverantwortliches Handeln gefördert werden.
Wunderbar der Vortrag, der Selbsterfahrungsanteile kombinierte mit witzigen Comics, einfühlsam und gewandt vorgetragen und sehr schlüssig konzipiert war.

Wieder eine gelungene und anregende Jahrestagung mit vielen Ideen und neuem Schwung für die Praxis.

Ulrike Behme-Matthiessen, Tagesklinik Baumhaus der Fachklinik Schleswig. Friedrich-Ebert-Strasse 5