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Gesellschaftliche Krisen und alle schauen zu?

Der Verbandstag der DGSF am 5. April 2019 in Karlsruhe fragt: Wandel, Spaltung und Solidarisierung - und was machen wir so ganz konkret? Ein Veranstaltungsbericht von Marieke Born

In einem Monat sind EU-Parlamentswahlen, bald Landtagswahlen in Ostdeutschland – die Luft anzuhalten macht Sinn. Akute gesellschaftliche Symptome, wie das sinkende Vertrauen in die Politik und der Zuwachs von rechtspopulistischen Parteien, die steigende Unsicherheit gegenüber dem Wandel der Arbeitswelt, fehlende Antworten auf die Klimakrise und die Lebensrealität von Geflüchteten alarmieren uns – als Therapeut*innen, Berater*innen und als Bürger*innen. Angesichts dessen entschied der DGSF-Vorstand den Verbandstag in diesem Jahr dem Thema „Wandel, Spaltung und Solidarisierung in der aktuellen Gesellschaft“ zu widmen. Initiiert und gestaltet wurde der Tag vom „Forum Gesellschaftspolitik“ (Uli Fellmeth, Judith Gutknecht, Jochen Schweitzer und Frieder Vüllers).

Während vor dem Fenster des Sitzungssaales ein automatisierter Rasenmäher als Mahnmal der neuen Welt seine Kreise zieht, eröffnet der DGSF-Vorsitzende Björn Enno Hermans den Tag. Er greift die zentrale Frage des kürzlich erschienenen Buchs von Fritz B. Simon „Anleitung zum Populismus oder: Ergreifen Sie die Macht!“ auf: Wie umgehen mit dem populären Gefühl der Angst und Unsicherheit in unserer Gesellschaft? Diese zentrale Frage beschäftigt auch die ca. 120 Teilnehmenden.

Jochen Schweitzer, gesellschaftspolitischer Sprecher der DGSF, erklärt in der Einleitung: Die DGSF als Verband hat sich 2012 dazu entschieden, sich gesellschaftspolitisch zu positionieren. In der Realität sei das aber nicht wenig experimentell. Wie mutig und kritisch trauen wir uns als Praktiker*innen, uns gegen Einschränkungen, wie Armut, Existenzangst, Ausgrenzung, zu positionieren? Wie gelingt es uns als Verband von ca. 7300 Mitgliedern auch auf politischer Ebene für Lebensbedingungen, wie wir sie uns für unsere Klient*innen und uns selbst wünschen, einzutreten? Die DGSF habe sich nach langen Diskussionen 2015 den folgenden drei Schwerpunkten verschrieben: 1. Soziale Gerechtigkeit (z. B. Kindergrundsicherung oder existenzsichernde Rente) 2. Gute Arbeit in der sich beschleunigenden Arbeitswelt 3. im weiteren Sinne: Wahrung der Demokratie, angesichts bedeutsamer rechtspopulistischer Strömungen und akuter Bedrohungen des ökologischen Lebensraums, etwa durch die Klimakrise. Damit das Experiment gelinge, als Fachverband über die gewöhnlichen Aufgaben eines Verbandes hinaus gesellschaftspolitisch mitzumischen, sieht Jochen Schweitzer in diesem Verbandstag eine Chance noch klarer zu verstehen, wie sehr „das unbekannte Wesen: DGSF-Mitglied“ dahinter steht. Dabei stellt er den Teilnehmenden folgende Fragen für diesen Tag: Welche Themen, Zielrichtungen und Formen des Engagements seien (nicht) sinnvoll? Wie könnte sich jede*r individuell vorstellen daran mitzuwirken? Wie nicht?

Im darauffolgenden politische Grußwort macht Ute Leidig (MdL – Bündnis 90/Die Grünen, Stv. Mitglied des Landtagspräsidiums BaWü), die auch systemische Therapeutin und Beraterin ist, die Ambivalenz zwischen einerseits der Neutralität als Berater*in und der politischen Positionierung als Bürger*in und Politiker*in deutlich, die in diesem Thema steckt. Sie berichtet vom ressortübergreifenden Impulsprogramm für den gesellschaftspolitischen Zusammenhalt, mit dem die Landesregierung Baden-Württemberg Polarisierungstendenzen in der Gesellschaft entgegenwirken will. Am Ende ihres Vortrags wirbt sie in Referenz auf Steve DeShazer bei den Zuhörer*innen dafür, den Besucher davon zu überzeugen, dass auch er vom Engagement für gesellschaftlichen Zusammenhalt profitieren kann; dem Klagenden Beobachtungsaufgaben zu geben, die seinen eigenen Möglichkeitsraum sichtbar machen; schließlich den Kunden in seinen Bemühungen zu unterstützen, Teil der Lösung zu sein.

„Ich bin hier bei den Profis – die, die wir brauchen für den gesellschaftlichen Wandel!“ – So begrüßt Roman Huber die Teilnehmenden zu Beginn seines mitreißenden Impulsvortrags und steigt ein in eine fundierte Analyse der Ist-Situation. Der Vertrauensverlust in die Eliten sei die Folge der Finanzkrise, weshalb es der AfD gelinge sich als Anti-Elitenpartei zu etablieren. Mehrheitlich werde sie von Protestwähler*innen (junge Menschen und nicht wenige Frauen) gewählt. Themen, wie einseitige Medienberichterstattung, mangelnde Governance Strukturen auch in der EU und überbordende Konzernmacht werden momentan von der AfD besetzt. Dringend sei es hier notwendig, Kompromisse zu schließen, die aus der Mitte der Gesellschaft heraus verhandelt wurden. Wie kann das gelingen? Für Roman Huber braucht es neue Bürgerbeteiligungsformate, wie Volksentscheide, die gut organisiert sind. Bei einem Modell aus Nordirland etwa bereitet eine Citizen Assembly den Entscheid als Empfehlungsorgan gründlich vor. Überzeugend sind die Bedingungen, die solche Formate laut Huber erfüllen müssen: Auswahl und Einberufung von Bürger*innen per Los statt der üblichen „Berufsbürger“, keine finanziellen oder organisatorischen Hürden der Teilnahme, intensive Auseinandersetzung mit Experten*innen aller Interessensgruppen, gleiche Involviertheit aller, sichergestellt durch gute Moderation und kleine Gruppengrößen. Mehr Demokratie e.V., dessen geschäftsführender Bundesvorstand der Vortragende ist, will diesen Prozess in Deutschland etablieren und startet aktuell ein großflächiges Pilotprojekt. Zum Abschluss seines Vortrags fordert er zur Kooperation auf. Wer Interesse habe und anpacken wolle, solle sich melden: „Da mach mir´s einfach“ so Huber auf tief-bayrisch.

Nach dem Mittagessen startet die Kleingruppenarbeit zunächst in vier Foren:
Im Forum mit Judith Gutknecht zum Thema „Reichtum vs. Armut: Inseln der Solidarität im Verteilungskampf“ wird es in einem absolut romantischen Speeddating außerhalb der Komfortzone sehr persönlich. „Reden wir mal über uns“ ist das Motto, etwa bei der Diskussion über eine mögliche Stafflung der DGSF-Mitgliedsbeiträge. Es herrscht eine hohe Offenbarungsbereitschaft zu eigenen finanziellen (Un-)Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe. Das Forum mit Frieder Vüllers diskutiert zu „Demokratie vs. Autoritarismus: Mit Rechtspopulisten diskutieren?“. Die Gruppe fragt sich beispielsweise, unter welchen Bedingungen es gelingen kann / darf mit Rechtspopulisten*innen zu reden. Auch der Widerspruch, in dem man sich bewegt, einerseits nur durch Neugier in Kontakt kommen zu können und andererseits stets unsere Grundwerte verteidigen zu wollen, wird zum Thema. „Internationalismus vs. Nationalismus – Wie kann Willkommenskultur gestärkt werden?“ heißt das dritte Forum mit Jochen Schweitzer. Die Abneigung gegenüber Menschen, deren Verhalten nicht den eigenen Erwartungen entsprechen, trete noch stärker als früher zum Vorschein in europäischen Gesellschaften – wie könne man damit umgehen? Besprochen wurden in vier Themenecken innerhalb dieses Forums die Anstrengung, die die Zusammenarbeit im interkulturellen Kontext mit sich bringt; die eigene Wirksamkeit im Arbeiten mit Geflüchteten; der Zwist mit fremdenfeindlichen Verwandten und Kolleg*innen; das Mut Tanken angesichts von AfD, Seehofer, Orban und Co. Im Forum mit Ulrich Fellmeth zu „Schutz vs. Plünderung der Natur: Ökologie und Gemeinwohlökonomie“ wird angesichts der fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten gemeinsam darüber nachgedacht, welche Gegenkonzepte für den Einzelnen, aber auch als DGSF-Verband gelebt werden sollten. Unter anderem wird der Ansatz der Gemeinwohlökonomie vorgestellt. Gemeinwohlorientiertes Handeln richtet sich nach fünf Grundwerten aus: ökologische Nachhaltigkeit, sozialen Gerechtigkeit, Solidarität, demokratische Mitbestimmung und Menschwürde. Anhand eines Selbsttest kann sich jede*r als Privatperson und Unternehmer*in entlang dieser Werte verorten und anschließend in Bewegung kommen.

Nach einer kurzen Kaffeepause sorgt die altbewährte, neu entdeckte Methode des Barcamps für acht offene und lebhafte Räume des Austauschs. Schon angemeldete oder spontan gebildete Hotspots der Ideen entstehen, um Themen zu vertiefen, Methoden weiterzugeben, Ideen zu transferieren und Koalitionen zu bilden. Barcamp 1 will den Zusammenschluss von der DGSF mit 120 Organisationen zum institutionellen Kampf für den Klimaschutz initiieren. In Barcamp 2 lernen die Teilnehmer*innen die Methode „Power Flower“ zur Auseinandersetzung mit Zugehörigkeiten und Identitäten kennen. Nach einer Selbstreflexion folgt ein Privilegien Check und die Übertragung auf die Systemebene. Barcamp 3 hat sich zum Ziel gesetzt, sich gemeinsam als DGSF gegen Abschiebungen von Asylsuchenden zu wehren. Den Aufruf von Roman Huber an das Plenum, als Systemiker*innen die eigenen Prozessführungsexpertisen einzuspeisen, greift Barcamp 4 auf, indem Möglichkeiten der Kooperation der DGSF mit Mehr Demokratie e.V. eruiert werden. Barcamp 5 hinterfragt kritisch, wie das System Kindergarten / Schule umgestaltet werden müsse, während Barcamp 6 einen Raum des Austauschs ermöglicht zur Idee, dass sich systemisch orientierte Führung in Gesprächsführung /-kultur abbilde. Wann ertappen wir uns im Alltagsrassismus als Systemiker*in und wie können wir ihn unwahrscheinlicher machen – das ist die Frage in Barcamp 7 zu #critical whitness #white supremacy. Barcamp 8 führt hin zu gemeinwohlökonomischen Bilanzierungen von Einzelpersonen oder Kleinbetrieben. Austausch per se ist ja schon Veränderung – konkreter wird es dann aber häufig nicht, wobei sicherlich einige Mailadressen und Lesetipps getauscht werden. Für die begrenzte Zeit ist das schon viel.

Das Reflecting Team, das den Tag als Beobachter*innen „mitgeschnitten“ hat, berichtet vor allem überwältigt zu sein von der hohen Komplexität, die sich in all den Beiträgen entsponnen habe. In den Foren und Barcamps sei eine hohe Bereitschaft zu beobachten gewesen, Ambivalenzen, die uns ausmachten, in Kontakt zu bringen und dabei fehlerfreundlich zu diskutieren.

Der Tag endet mit der großen Frage: Welche all der Knoten, die sich heute im Netz gesponnen haben, führen wir wo weiter? Bisher unbeantwortet! Damit wir nicht nur „mal drüber gesprochen haben“, müssen Taten folgen. Weiß der Verband nun besser, dass gesellschaftspolitische Statements nicht nur nobel, sondern notwendig sind? Ich persönlich, hoffe das sehr. Wir sollten als Systemiker*innen wissen, dass uninvolviertes Beobachten und nicht kommunizieren eine Illusion sind.

 

Marieke Born