„Mehr Lust am Erfolg“ – Systemische Kinder- und Jugendhilfe jenseits des Jammerns –

Klaus-Peter Langner                                                                                                  07.05.2007

 
 „Mehr Lust am Erfolg“  - so lautet der Titel der Tagung, die ich ab heute besuchen werde. Ausgesucht haben wir dieses Motto bereits im September letzten Jahres in der Vorbereitungsgruppe. Wir wollten nicht immer nur Jammern und Klagen, Probleme und neue, schreckliche Tendenzen in der Kinder- und Jugendhilfe beschreiben sondern mit dieser Tagung bewusst die Stärken systemischer Ansätze in unserem Arbeitsgebiet verdeutlichen und ihre Erfolge wahrnehmen. Jetzt sitze ich bei schönstem Wetter im Auto und rolle bei mäßigem Verkehr auf der A 2 dem Tagungsort, dem LWL Bildungszentrum Jugendhof Vlotho bei Bielefeld in Ostwestfalen, entgegen. Die Tagung wird als „open space“ durchgeführt. Ich bin neugierig, ob es Michael M Pannwitz mit seinem Team wieder gelingen wird, sie wie im letzten „open space“, an dem ich teilgenommen habe, perfekt aus dem Hintergrund heraus zu organisieren.

Wer wird wohl kommen? Von einigen weiß ich, dass sie teilnehmen wollen, von anderen erhoffe ich es mir. In Vlotho angekommen erwartet mich bei sommerlichen Temperaturen das zarte, junge Grün der hohen Bäume im romantischen Innenhof, eine Vielzahl von bekannten und unbekannten Gesichtern und eine angenehme Überraschung: die Mithilfe des Vorbereitungsteams ist nicht mehr notwendig, denn das Team um Michael M Pannwitz hat alles bereits geregelt. Es folgen in aller Ruhe der Zimmerbezug, das Treffen mit alten und neuen Bekannten und erste Gespräche über die Tagung und die mit ihr verknüpften Erwartungen.

Am Abend haben sich im großen Saal des Neubaus mehr als 80 Teilnehmende versammelt und hören die Eröffnungsreden vom Leiter des Landesjugendamtes Westfalen – Lippe, Landesrat Hans Meyer, vom Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie, Wilhelm Rotthaus, von der Leiterin des LWL Bildungszentrums Jugendhof Vlotho, Heidi Kaiser und vom Tagungsleiter, Rüdiger Beinroth, für den diese Tagung gleichzeitig der Abschied aus dem aktiven Dienst sein wird. Für mich heißt es auch, Abschied von Rüdiger zu nehmen. 15 Jahre lang bin zu Seminaren mit ihm hier hin gekommen, habe viel Neues erfahren und bin in meiner „beruflichen Sozialisation“ von ihm mit geprägt worden. Jetzt werden sich unsere Wege wohl nicht mehr so häufig kreuzen....

Die sich den Eröffnungsreden anschließenden Podiumsstatements berühren die Schnittstellen zwischen kommunaler Kinder- und Jugendhilfe, Suchtkrankenhilfe und Schule (Heliane Schnelle), beschreiben systemische Ansätze in der Hilfeplanung in einem Jugendamt (Beate Tenhaken), stellen systemische Ausbildungsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe dar (Gisal Wnuk-Gette), beziehen theoretische und praktische Positionen (Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp) und dann fällt der Satz, der mich durch die ganze Tagung begleiten wird: „Nach Steve de Shazer ist der Widerstand begraben.“ Michael Grabbe spricht ihn aus und elektrisiert mich damit. Den Widerstand begraben? In der Ausbildung „Integrative Supervision“, die ich vor einigen Jahren absolvierte, haben wir mit dem Widerstandskonzept der Gestalttherapie gearbeitet: Miriam und Erwin Polster beschreiben 5 Formen des Widerstands: die Introspektion, die Projektion, die Deflektion, die Retrospektion und die Konfluenz. Immer wieder haben wir damals die Rollenspiele unterbrochen und über den Umgang mit „Kontaktgrenzen“ diskutiert. Und jetzt wird der Widerstand zum Konstrukt (der er ja ist!) erklärt und kurzerhand begraben! In mir brodelt es und ich versuche, „Gestaltisches“ und „Systemisches“ zu integrieren. An diesem Abend wird es mir nicht mehr gelingen, denn andere Eindrücke der abendlichen Diskussion, des Kennen Lernens der Menschen um mich herum und das Wiedersehen mit Bekannten und Freunden nehmen mich gefangen.

Am nächsten Morgen eröffnet Michael M Pannwitz den „Open Space“ mit einer kleinen Einführung: „Die, die da sind, sind genau die Richtigen!“ – „Es fängt an, wenn die Zeit reif ist.“ – „Augen auf, mit Überraschungen ist zu rechnen!“ – „Was auch immer geschieht: es ist das Einzige, was geschehen konnte.“ – „Vorbei ist vorbei. Nicht vorbei ist nicht vorbei.“

Staunen in der Großgruppe: so soll die Tagung funktionieren? Es folgt gespanntes Abwarten. Doch da stehen schon die Ersten auf, gehen in die Mitte, knien sich hin und schreiben ihre Arbeitsthemen auf große DIN – A 3 Bögen, verlesen sie über das Mikrofon und wählen Ort, Zeit und Raum aus. Schon nach wenigen Minuten hängen zahlreiche Themen für verschiedenste Diskussionsrunden an den Pin – Wänden, flanieren die Interessierten an ihnen vorbei und wählen sich die Themen aus, an denen sie mitarbeiten wollen.

Auch ich biete ein Thema an: Systemische Arbeit im Zwangskontext- Ideen, Grenzen, Verantwortung und wähle die nächste Anfangszeit aus. Da ist er wieder, der „Widerstand“. Im Jugendamt haben wir es häufig mit Familien zu tun, die mit uns nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollen. Und trotzdem müssen wir mit ihnen „arbeiten“, denn die Öffentlichkeit erwartet von uns, dass Kindeswohlgefährdungen auf eine sozial verträgliche Art und Weise durch uns „gelöst“ werden. Dass wir gar nichts „lösen“  sondern den Familien nur dabei behilflich sein können, ihre Schwierigkeiten selbst in den Griff zu bekommen, ist zwar eine Grundhaltung in der Sozialen Arbeit geworden, hilft im Zwangskontext zwischen Schutzauftrag und Unwillen der Eltern aber erst einmal nicht weiter. Dann sitze ich allein im ausgewählten Raum und warte, ob jemand kommt, um mit mir zusammen über das Thema zu sprechen. „Es fängt an, wenn die Zeit reif ist.“  Tatsächlich versammeln sich schließlich 9 Menschen, die sich von dem Thema angesprochen fühlen. „Die, die da sind, sind genau die Richtigen!“  Kolleg/-innen aus der ambulanten und stationären Jugendhilfe der freien Träger, Supervisoren/-innen, Fortbildnerinnen und Mitarbeitende in Jugendämtern stellen sich vor und berichten über ihre Bezüge zum Thema. „Augen auf, mit Überraschungen ist zu rechnen!“  Die Beiträge sind konstruktiv, beleuchten den Zwangskontext von vielen Seiten, erweitern das Thema und verhelfen mir zu manch neuer Sichtweise. Nach 75 Minuten hat die Gruppe das Thema erst einmal bearbeitet. „Vorbei ist vorbei. Nicht vorbei ist nicht vorbei.“  Ich bedanke mich für die vielen Beiträge, protokolliere den Verlauf und die Ergebnisse für die Publikation und bemerke, dass trotz der vielen Anregungen für mich das Thema noch nicht „rund“ ist. Dennoch bin ich ein gutes Stück weiter gekommen.

Der Tag geht für mich mit verschiedenen anderen Gruppen weiter, an denen ich teilnehme. Zwischendurch stärke ich mich mit den anderen am Mittagsbuffet, stöbere am Büchertisch herum oder genieße in der Maisonne den Zauber dieses Ortes. Immer wieder treffe ich Freunde, Arbeitskollegen und vertiefe manche Bekanntschaft. Bei Gesprächen mit anderen wird mir bewusst, wie sehr sich hier eine „Kompetenzgruppe des systemischen Arbeitens in der Kinder- und Jugendhilfe“ in Anlehnung des Begriffs der „scientific community“ von Hilarion Petzold  zusammen gefunden hat. Das Thema „Widerstand“ aber gärt weiter in mir.

Den Abend verbringen wir gemeinsam und in kleinen Gruppen am Tresen und in der Tenne des Jugendhofs oder sitzen zusammen draußen auf der Wiese unter den hohen Bäumen und genießen die milde Abendluft. Der Tag war anstrengend. Ich bin müde und gehe früh zu Bett.

Auch am nächsten Morgen scheint die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel. In der Morgenrunde wird deutlich, dass viele Teilnehmende noch müde vom Vortag sind. Und so findet sich auch schnell eine Anzahl von Leuten, die eine Gesprächswandergruppe bilden und sich alsbald auf den Weg machen.

Einen anderen Teilnehmer hat das Zitat von Steve de Shazer auch nicht ruhen lassen. Er erklärt den Widerstand für tot und bietet an, ihn im Garten zu begraben. Außerdem stellt er die Behauptung auf, dass „jede/r kooperieren wolle“. Eine große Gruppe kommt zusammen, um über das Zitat und was es in ihnen auslöst zu sprechen. Ich erinnere mich an eine Fallsituation aus dem letzten Jahr: wir wurden im Jugendamt über eine junge Familie informiert, die offensichtlich mit ihrem Leben und das ihres sechs Monate alten Kindes nicht klar kommen würde. Die Wohnung sei völlig verdreckt und vermüllt, die Eltern würden mit ihrem Kinde seit Wochen mal hier, mal da bei Freunden wohnen, der Mann sei Hooligan und rechtsextrem, hoch Gewalt bereit und habe bereits mehrere Jahre in Haft gesessen. Diese Eltern nun würden stark rauchen und den Fernseher sehr laut stellen, obwohl das kleine Kind mit ihnen im Raum sei. Hier würden keine Rücksichten auf die Bedürfnisse des Kindes genommen. Bei einem Besuch wird schnell deutlich, dass die Beschreibungen stimmen. Die jungen Eltern aber wollen nichts mit dem Jugendamt zu tun haben. Sie würden ihr Kind lieben und es auch gut versorgen. Die beteiligten Sozialarbeiter haben Angst vor dem Mann, der schnell hochgradig erregt sei. Mir wird klar, dass die Beschreibungen über die Eltern bereits Einstellungen und Abwehrhaltungen bei den Sozialarbeitern auslösen, bevor es überhaupt zu einem Kontakt zwischen ihnen und den jungen Eltern kommt. Und den jungen Eltern geht es ähnlich: sie ahnen, dass „die vom Jugendamt“ ihnen wahrscheinlich eine Menge Ärger und Verdruss bereiten können. Bereits jetzt ist die direkte Begegnung zwischen den Menschen schon stark geprägt durch Bilder und Erwartungen „über den anderen“. Hier hilft mir ein Widerstandskonzept erst einmal nicht weiter. Im Gegenteil: bei weiterer Betrachtung wird mir deutlich, dass mich besonders die Beschreibung „rechtsextrem“ in einer Kontaktaufnahme zum jungen Vater deutlich einengt. Mit diesen Leuten will ich eigentlich nichts zu tun haben. Hier liegt der Ball jetzt plötzlich in meinem Feld, denn der unterstellte „Widerstand“ bei den jungen Eltern findet ja auf Seiten der Sozialarbeiter durchaus seine Entsprechung....

In der Gruppe werden viele kluge Gedanken geäußert. Sie sind im Protokoll der Arbeitsgruppe nachzulesen. Noch angeregt von der Diskussion gehe ich in die nächste Gruppe, die mich interessiert. Hier geht es um die Konstruktion von Geschlechterrollen. Auch ein mindestens abendfüllendes Thema. Und allmählich werde ich „satt“ von den Themen und Überlegungen und bemerke, dass ich jetzt erst einmal eine Zeit für mich haben muss, um über das Erlebte und Erfahrene nachdenken zu können.

Zur Mittagszeit treten wir in eine neue Phase des „open space“: sie heißt „Nächste Schritte“ und soll die bisherigen gesammelten Ergebnisse in ein Handlungsformat bringen. Wieder werden Themen gesammelt, vorgelesen und an die Pin – Wände gehängt, wieder flanieren wir an den Wänden entlang und suchen die Gruppen aus, die uns am meisten interessieren, ansprechen oder die wir mit Sicherheit meiden wollen. Es finden sich Gruppen zu sehr unterschiedlichen Plänen zusammen: Ein Forschungsprojekt soll aus der Taufe gehoben werden, ein Fragenpool soll eröffnet werden, das Sammeln und der Austausch von Weisheitsgeschichten soll organisiert werden, und, und, und....

Zum Abschluss stellt das „open-space“-Team  einen großen Stuhlkreis bereit. Ein Zweig wird herumgereicht und jede/r kann noch einmal Gedanken, Gefühle, Pläne beschreiben. Dann ist die Tagung vorbei. Zuende gehen Tage intensiver Kommunikation über systemische Kinder- und Jugendhilfe, wie ich sie in diesem Maße noch nicht erlebt habe. Wir sind durch den „open-space“ wirklich zu dem geworden, was wir zwar vorher schon waren, aber nicht wahrnehmen konnten: zu einer Kompetenzgruppe in systemischer Kinder- und Jugendhilfe. Die Teilnehmenden kamen (natürlich) überwiegend aus Nordrhein-Westfalen, aber es waren auch Badener, Württemberger, Rheinland-Pfälzer, Mecklenburger, Bremer, Sachsen-Anhaltinische, Franken, Niedersachsen vertreten. Meine Aufzählung ist sicher auch nicht vollständig. Internationalen Anstrich erhielt die Tagung durch die Teilnahme eines niederländischen, in Bielefeld lebenden Paares.

Wie wird es weitergehen mit der Kinder- und Jugendhilfe in der DGSF? Zum Kongress im Oktober 2007 in Neu-Ulm sind verschiedene Aktivitäten geplant (siehe Kongressausschreibung), die Fachgruppe soll sich verstetigen und eine Tagung, vielleicht im kommenden Jahr soll es auch wieder geben.

Die Tagung ist beendet. Ihre Nachwirkungen werden aber für diejenigen, die teilgenommen haben, noch lange spürbar sein. „Mehr Lust am Erfolg“ – Systemische Kinder- und Jugendhilfe jenseits des Jammerns – hat eindrücklich dargestellt, dass zahlreiche systemische Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt und erprobt wurden und erfolgreich eingeführt sind. Dennoch schreit das Thema nach einer Wiederholung. Wir dürfen gespannt sein.